Black-Metal in Norwegen : Der mörderische Kult des Nordens

Ein Plattenladen namens Hölle: In Norwegen existierte die extremste Black-Metal-Szene Europas. Die Popkritik tut sich bis heute schwer mit der Bewertung des norwegischen Black Metal.

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CD-Cover von Burzum.
CD-Cover von Burzum.Foto: promo

Das Bild von Norwegen als einer durch allgemeinen Wohlstand befriedeten Gesellschaft dürfte mit den Terrorakten von Oslo und Utöya als Wunschvorstellung entlarvt sein. Wer die Popkultur Norwegens betrachtet, findet seit längerem Anzeichen dafür, dass es mit einem Wertekonsens unter den knapp fünf Millionen Einwohnern des wohlhabendsten Landes Europas nicht allzu weit her sein kann.

In den frühen neunziger Jahren etablierten sich Oslo und Bergen als europaweite Zentren einer extremen Heavy-Metal-Subkultur, deren Protagonisten sich in der Ablehnung der bestehenden Gesellschaftsordnung einig waren. Nun ist dies kein Alleinstellungsmerkmal, fast alle Pop-Subkulturen von Rock’n’Roll bis Punk oder Gothic Pop haben auf die ein oder andere Weise gegen bestehende Normen und Werte aufbegehrt. Doch der so- genannte Black Metal zeichnete sich eben nicht nur durch eine bis dahin unerhörte Radikalität seines von neuheidnischen und nordisch-kultischen bis zu profaschistischen und antisemitischen Tendenzen reichenden Gedankenguts aus, er setzte sie zum Teil auch in die Tat um.

In der Filmdokumentation „Until the Light takes us“ aus dem Jahr 2009 gibt es Interviewpassagen mit einem höflich wirkenden Mittdreißiger, der freimütig Auskunft über seine Karriere als Black-Metal-Musiker gibt. Es handelt sich um Varg Vikernes, der 1994 wegen Mordes an Øystein Aarseth zu 21 Jahren Haft verurteilt wurde – Höchststrafe in Norwegen. Aarseth alias „Euronymus“ wiederum war Gitarrist der Band Mayhem, die als wichtigster Initiator des norwegischen Metal-Booms gilt. Er hatte Ende der achtziger Jahre in Oslo den Plattenladen „Helvete“ (Hölle) eröffnet, der zum Treffpunkt der Szene wurde und in dessen Keller Vikernes zeitweise hauste. Vikernes selbst war mit seinem Einmannprojekt Burzum zwar ein Späteinsteiger, konnte diesen Makel aber durch besondere Radikalität kompensieren. So äußerte er offen Sympathien für Hitler und Stalin und brüstete sich mit der – offensichtlich erfundenen – Behauptung, ein Verwandter des nach dem Zweiten Weltkrieg zum Tode verurteilten norwegischen NS-Kollaborateurs Quisling zu sein.

Die Geschichte der Gewalt, die sich durch das Genre zieht, begann mit dem Selbstmord des Mayhem-Sängers „Dead“. Dieser wurde, nachdem er sich die vordere Schädelhälfte mit einem Gewehr weggeschossen hatte, von seinem Bandkollegen Aarseth aufgefunden, der nichts Besseres zu tun hatte, als den Leichnam aus allen Perspektiven zu fotografieren (was später das Covermotiv für ein Mayhem-Bootleg wurde) und Knochensplitter einzusammeln, aus denen er Amulette für den inneren Kreis seiner Mitstreiter machte. Die Situation eskalierte mit dem Mord an einem Homosexuellen in Lillehammer durch ein Mitglied der Band Thorns und die spektakulären Brandstiftungen an etlichen norwegischen Stabkirchen durch Black-Metal-Anhänger, wobei hier von einem hohen Anteil von Nachahmungstätern auszugehen ist. Vikernes’ berüchtigter Mord an Aarseth versetzte die Black-Metal-Szene in einen Schockzustand und brachte einen Selbstauflösungsprozess in Gang. In den Räumen von „Helvete“ ist heute ein Edelrestaurant. Mayhem gibt es zwar wieder, doch sind ihre Konzerte, so wie das an der Volksbühne Anfang 2010, eher theatralisch-nostalgische Inszenierungen der einstigen Böse-Buben-Musik für ein voyeuristisches Bildungsbürger-Publikum.

Herren der Finsternis. CD-Cover der Band Mayhem.
Herren der Finsternis. CD-Cover der Band Mayhem.Foto: Promo

Die Popkritik tut sich bis heute schwer mit der Bewertung des norwegischen Black Metal. Die musikalischen Errungenschaften, die zu einer stilistischen Erneuerung des Heavy Metal beitrugen, sind unbestritten. Viele Musiker haben sich von ihren damaligen Aussagen distanziert, die zudem des Öfteren in verfälschten Interviews oder reißerischen Reportagen verzerrt wurden. Häufig wird darauf verwiesen, dass die Verwendung tabuisierter Symbole und der Rückgriff auf rechtsextremistische Ideologie in erster Linie – analog etwa zum Punk der siebziger Jahre – der Provokation und Abgrenzung gedient hätten. Andererseits ist die tatsächliche Existenz nordisch-nationalsozialistischen Gedankenguts ebenso wenig zu leugnen wie der maßgebliche Einfluss auf die rechtsextremistischen Metal-Underground-Szenen, die sich vor allem in osteuropäischen Ländern gebildet haben.

Varg Vikernes ist, obwohl man seine Taten nicht mit dem Massaker von Anders Breivik vergleichen kann, der Prototyp des unberechenbaren Außenseiters, den es in jeder Gesellschaft geben kann. Bestürzend an seinen Aussagen ist die Seelenruhe, mit der er in „Until the Light takes us“ nach fast 15 Jahren Haft sein abstruses Weltbild verteidigt. Wenn er die Kirchenbrandstiftungen als logische Reaktion auf die gewaltsame Verdrängung heidnischer Kulte durch das Christentum im Mittelalter rechtfertigt, wird man das Gefühl nicht los, dass dieser Mann, bei aller zur Schau gestellten Friedfertigkeit, immer noch eine wandelnde Zeitbombe ist.

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