Kultur : Blauer Himmel, gelbe Stadt

Stille Verfolgung: „Auf der Suche“ – ein melancholischer Streifzug durch Marseille

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So nah wie fern. Jens (Nico Rogner) und die Mutter (Corinna Harfouch). Foto: Salzgeber
So nah wie fern. Jens (Nico Rogner) und die Mutter (Corinna Harfouch). Foto: Salzgeber

Oft – zu oft – lässt das Kino keine Fragen offen. Morde müssen geklärt, Verbrecher überführt, Verwechslungen aufgelöst und Liebende zusammengeführt werden, damit der Zuschauer am Ende erleichtert durchatmen kann. Dabei ist es im Leben doch genau umgekehrt: Mit seiner Laufzeit wachsen die Geheimnisse.

Eine Mutter kommt aus Deutschland nach Marseille, um ihren Sohn zu finden, von dem sie seit ein paar Wochen kein Lebenszeichen mehr erhalten hat. Der Sohn ist schwul, einer seiner Exfreunde, eingeflogen aus Berlin, soll ihr helfen. Das ist beinahe schon die ganze Geschichte von „Auf der Suche“, dem dritten Spielfilm des Regisseurs Jan Krüger. Corinna Harfouch spielt, sehr zurückgenommen, die Mutter, Nico Rogner, ein junger deutscher Schauspieler, der bislang vor allem in italienischen und französischen Filmen aufgetreten ist, den Exfreund Jens.

Eigentlich können sie wenig miteinander anfangen, aber es ist spannend, dabei zuzusehen, wie sie sich dennoch, vom „Du“ zum „Sie“ und wieder zurückwechselnd, immer wieder neu zusammenraufen. Der Junge gibt sich cool und latent aggressiv, die kontrollversessene Mutter wirkt zunehmend hilflos. „Ich will nicht mehr raten“, klagt sie – man stelle sich dazu die trockene Harfouch-Diktion vor –, als die Suche wieder einmal ins Stocken gerät. „In meinem Kopf ist kein Platz mehr für Raten.“

Marseille, eine Stadt zwischen Meer und Felsen und überwölbt von einem ewig blauen Herbsthimmel, sieht in „Auf der Suche“ verlockend aus und sehr fremd. Nachts, wenn Jens cruisen geht, dämmern die Straßen im schwefelgelben Laternenlicht. Ein paar Nebenfiguren tauchen auf. Eine Kollegin aus dem Krankenhaus (Valerie Leroy), mit der der Sohn eine Affäre hatte, ein Autoverkäufer (Mehdi Dehbi), den er näher kennenlernen wollte, eine stark rauchende Kriminalkommissarin (Mireille Perrier), die aber bald abwinkt: „Mehr können wir leider nicht tun für Sie.“

Eine Spur führt über den Fährhafen nach Marokko, eine andere auf ein Weingut in der Provence. Lauter lose Fäden, die sich nicht zusammenfügen. Sogar eine kurze Autoverfolgungsjagd gibt es, die mit quietschenden Reifen auf einem Parkplatz an der Schnellstraße endet. Der Sohn bleibt lange verschwunden, und die Mutter beginnt zu spüren, dass er ihr schon vor langer Zeit abhandengekommen ist.

fsk am Oranienplatz, Xenon

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