Kultur : Blinde Zuschauer - Gábor Görgeys "Spiegelspiel"

Hartmut Krug

Ein Budapester Ehepaar bereitet sich auf einen Theaterbesuch vor. Sie freut sich auf das gesellschaftliche Ereignis, er empfindet Kultur eher als lästige Pflicht. Einst war Joschka Parteisekretär, doch in die neue Zeit hat er sich erfolgreich hineingewendet, ohne sich innerlich groß zu ändern. Nun ist er erfolgreicher Großunternehmer und wohnt in einer Villa. Man lebt bedenkenlos und erfolgreich. Sohn Peti ist Moralist und flieht aus Empörung über den Vater, der alles verdrängt, in eine Kommune nach Asien.

Derweil wird seinen Eltern, und sie merken es nicht einmal, im Theater deren eigene Situation in historischer Umbruchzeit vorgespielt. Auf der Bühne bereitet sich ein ungarisches Adelspaar im Jahr 1914 auf einen Theaterbesuch vor. Weder vom Attentat auf den österreichischen Thronfolger noch vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges haben die beiden etwas mitbekommen. Und dass ihr Sohn als Freiwilliger an die Front geht, wissen sie auch nicht. Denn sie sehen auf der Bühne ein Pariser Adelspaar, das sich 1789 seinerseits auf einen Theaterbesuch vorbereitet ...

Drei Zeitalter, ein Verhalten in Umbruchzeiten, und bis zum Dienstmädchen immer wieder, durch die Jahrhunderte, die gleiche Figurenkonstellation. "Spiegelspiel" nennt der 1929 in Budapest geborene Gábor Görgey sein Stück. Den Untertitel "Tragische Komödie" gab Görgey seinem Stück wohl, weil er in einer schrecklich verkitschten Sterbeszene in der Pariser Episode Sohn Pierre als tödlich verwundeten Gardeoffizier sich mit seiner Mutter wieder zusammenfinden lässt.

Gábor Görgey kann ein umfangreiches Werk vorweisen, darunter zahlreiche Romane und viele Gedichtbände. Er hat in leitenden Funktionen bei Film, Fernsehen, Presse und Theater gearbeitet und gehört zu den führenden ungarischen Autoren. Seinem in Altenburg uraufgeführten Stück ist dies allerdings kaum anzumerken. Das "Spiegelspiel" geht fast völlig in seiner absichtsvollen Konstruktion auf. In keiner Szene vermag es zu vermitteln, wie sich Menschen in Umbruchzeiten wirklich verhalten, was sie und die Geschichte an- und vorantreibt. Ein oberflächlicher Schwank mit ältlichen Herrenwitzen.

Dabei ist diese Altenburger Premiere durchaus von Bedeutung - in kulturpolitischer Hinsicht. Denn sie ist eine erste Koproduktion mit dem Deutschen Theater Budapest und soll nicht nur in Gera gezeigt werden, im zweiten Theater des fusionierten Theaters Altenburg-Gera, sondern auch in Budapest, Sopror und Györ.

Das seit 1998 existierende Deutsche Theater Budapest besitzt zwar noch keine eigene Spielstätte und kein eigenes Ensemble, doch hat es bereits 13 Stücke mit Gastspielen aus dem deutschsprachigen Raum mit guter Resonanz in Budapest vorgestellt. Sein Gründer András Frigyesi hat auch das "Spiegelspiel" in Altenburg inszeniert, ohne dass er dem hölzern und klischeehaft äußerlich agierenden Ensemble wesentliche Impulse vermitteln konnte.

Ildikó Iván, die Gattin des Autors und eigentlich Opernsängerin, spielt sich in den Rollen der drei Haushälterinnen, indem sie Perücken, Kleider und Dialekte wechselt, kräftig in den Vordergrund, während Stefan Ebeling als Marquis in der Pariser Szene immerhin angenehm auffällt. Das kulturpolitische Aufsehen allerdings, das diese Uraufführung zu Recht erregte, vermag sie künstlerisch leider nicht zu rechtfertigen.

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