Blixa Bargeld singt im Berghain : Axolotls Kuss

Seine Lärmband Einstürzende Neubauten hat gerade eine Auszeit genommen. So hat Blixa Bargeld Zeit, sich auf ein Nebenprojekt einzulassen: Mit dem italienischen Komponisten Teho Teardo tritt er im Berghain auf. Es wird ein beglückender Abend.

Volker Lüke
Dandy in Schwarz: Blixa Bargeld im Studio. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Dandy in Schwarz: Blixa Bargeld im Studio.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Bargeld lacht, flüstert, schreit, pumpt die Backen auf und holt zum großen Schlag aus: „Ich bin ein Axolotl! Die Welt, mein Territorium, ist für mich kreiert!“ Im schwarzen Maßanzug, den er vor fast dreißig Jahren gegen die Lederkluft eingetauscht hat, die er bei Fronteinsätzen der Einstürzenden Neubauten getragen hat, schreitet der 55-Jährige im ausverkauften Berghain das Bühnenterrain ab: „Ich, das Axolotl, will nicht werden, was ich werden sollte, ich will werden, was ich werden will – totipotent!“

Da steht er also: der totipotente Blixa Bargeld, die Personifizierung jener stilbildenden Berliner Lärmband, die sich mal wieder in einer Ruhephase befindet. Mit dem italienischen Komponisten Teho Teardo hat er sich einen Musiker an die Seite geholt, der sich seinem Ego unterzuordnen bereit ist. Das Duoprojekt entwickelte sich aus einer gemeinsamen Arbeit für das Theaterstück „Ingiuria“, aus dem das Album „Still Smiling“ entstand. Erstaunlich eingängige Songs, die zusammen mit Bargelds Sprechgesang eine beglückende Einheit ergeben. Besonders schön wird es, wenn Blixastar auf Italienisch schmachtet: „Kann ich in einer anderen Sprache küssen? Kommen die Metaphern mit mir mit?“

Dabei präsentiert er sich textlich in selbstironischer Hochform, gewährt Einblick ins Tourleben („Room Service oder Masturbation? Nichts eröffnet Perspektiven“). Getragen von einem Teppich aus schleifender Elektronik, Piano-Samples, Glockenspiel und Teardos Bassgitarre, rutscht Bargelds Stimme zwischen akrobatischen Überdrehungen und einschmeichelnden Chanson-Techniken herum, umwölkt von den Klängen der Cellistin Martina Bertoni, die ab Mitte des Konzerts von einem Streichquartett ergänzt wird. Das hört sich manchmal an wie ein verlorener Soundtrack für einen Film von David Lynch,. Besonders bei der Zugabe des auf Italienisch gesungenen Beat-Schlagers „Crimson and Clover“ kehrt Bargeld endgültig den Adriano Celentano raus. Mit einem Humor, der sich wohltuend auf das Werk eines Krachhelden auswirkt, der es nicht mehr nötig hat, die Bühnen mit Akkordgedonner zu erobern. Da steht er also, lächelt schief ins Publikum, pumpt die Backen auf und genießt den Triumph: „Grazie!“

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