Blog-Fiction : Verliebt in ein Alien

UFOs in Kreuzberg: Michael Meisheit ist Drehbuchautor der „Lindenstraße“. Nebenher schreibt er einen Blog-Roman

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Unendliche Weiten. Autor Michael Meisheit baut interaktive Elemente in seine Internetgeschichte ein. Foto: Mike Wolff
Unendliche Weiten. Autor Michael Meisheit baut interaktive Elemente in seine Internetgeschichte ein. Foto: Mike Wolff

Als hätte Kreuzberg nicht genug Probleme. Da setzen die Bewohner alles daran, die Touristen zu vertreiben. Was sie aber nicht wissen: Die Außerirdischen kommen. Sie sind sogar schon da. Wollen endlich die Gattung Mensch verstehen und haben dafür einen Forschungsreisenden namens Malo auf die Erde geschickt. Niedergelassen hat er sich in Berlin-Kreuzberg und geht nun im Biosupermarkt am Marheinekeplatz einkaufen und schaut am Chamissoplatz dem Treiben auf dem Spielplatz zu.

So steht es in Vanessax (www.vanessax.de) , einem fiktionalen Blog, der seit diesem Sommer online ist. Verfasser ist der Berliner Michael Meisheit. Als der 39-Jährige an einem Oktobertag die Tür zu seiner Kreuzberger Wohnung öffnet, sieht er müde aus. Kein Wunder, er ist gerade von einer Reise in die Zukunft zurückgekommen. Meisheit ist nicht nur Verfasser von Vanessax, er ist auch Autor des Traditionsformats „Lindenstraße“. Gerade war er mit Kollegen im Riesengebirge, um die Handlung bis Mai 2013 festzulegen. Vanessax ist das Gegenprogramm. Der Blog entsteht Tag für Tag, manchmal fast improvisiert, in Echtzeit. Auf die Frage, warum er das mache, unbezahlt, als bloßes Hobby, antwortet Meisheit, wie es sich für einen Filmliebhaber gehört, mit einem „Star-Trek“-Zitat: „Im Internet gibt es unendliche Weiten zu entdecken.“

Erzählt wird die Geschichte des Außerirdischen in Kreuzberg aus der Perspektive einer Menschenfrau. Die fiktive Ich- Erzählerin Vanessa ist Anfang 30, Ehefrau und junge Mutter und leidet unter einer vorgezogenen Midlife-Crisis. Eigentlich wollte sie im Leben höher hinaus als nur nach oben auf eine Rutsche, entsprechend frustriert ist sie als Spielplatzmutter. Bis sie dem Außerirdischen begegnet und sich verliebt. Die weitere Handlung ist Ildiko von Kürthy gepaart mit Science Fiction und durchweg launig zu lesen.

Hätte der Blog einen Abspann wie die „Lindenstraße“, stände dort ein Satz wie „Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind nicht nur rein zufällig“. Meisheit hat einen kleinen Sohn, viele Erlebnisse mit ihm werden im Blog verwertet, so auch neulich. Meisheits Frau hatte Geburtstag, sie gingen in ein Restaurant. Atmosphäre, Kerzenschein und mittendrin der Sohn, der im Hochstuhl gegen seine Verstopfung anpresste und dann erleichtert „Kacki!“ schrie. Ansonsten ist vieles Beobachtung. Dass Meisheit aus Frauenperspektive erzählt, liegt auch daran, dass er sich zu gleichen Teilen wie seine Frau um den Jungen kümmert und deshalb weiß, wie es Müttern oft geht.

Als Meisheit selbst ein kleiner Junge war, sah er eines Tages „Bernhard und Bianca“. Danach weigerte er sich, das Kino zu verlassen. Er wollte es nicht hinnehmen – diese wunderbare Sache namens Film sollte vorbei sein? Nur folgerichtig also, dass Meisheit, der in Ludwigsburg Drehbuch studierte, bei Deutschlands bekanntester Endlosserie gelandet ist. Anfangs hatte er nur wenig für sie übrig. Meisheits damalige Freundin liebte die Serie. Er murrte über das sonntägliche TV-Ritual. Doch eines Tages gab der „Lindenstraßen“- Macher Hans Geißendörfer ein Seminar an Meisheits Filmhochschule und zeigte – es war ein Donnerstag – die kommende Folge. Meisheit war begeistert. So ein Wissensvorsprung, wunderbar! „Erst da habe ich gemerkt, wie sehr ich schon drin war in dieser Welt.“ Er schrieb Probedrehbücher und gab sie dem Produzenten, bevor dieser zu einer USA-Reise aufbrach. Einige Tage später der Anruf: „Hollywood calling“, sagte Geißendörfer. Von da an war der Student „Lindenstraßen“- Autor. Als Meisheit davon erzählt, ist er wieder ganz Filmmensch: „Schnitt. 14 Jahre später. Ich bin immer noch dabei.“ Die Arbeit macht ihm unverändert Freude, zugleich sucht er nach neuen Wegen, Geschichten zu erzählen – und hat sie im Internet gefunden.

„Eine der größten Chancen des Cyberspace liegt darin, eine Straße zu sein, die in zwei Richtungen weist – und das in einer Welt, in der mit Fernsehen das dominante Medium eine Einbahnstraße ist“, schreibt die US-Kommunikationswissenschaftlerin Laura Gurak. Der Autor der Blogfiction „Simon of Space“ beschreibt den Reiz so: „Es ist, als platziere man in einem Theater Mikrofone, um zu hören, was das Publikum über ein Stück sagt, und schreibe es dann zwischen den Akten um.“ Die meisten deutschsprachigen fiktionalen Blogs nutzen dieses Potenzial bislang kaum. Eher knüpfen sie an die Tradition der Fortsetzungsromane des 18. Jahrhunderts an. Damals erschienen etwa die Sherlock-Holmes-Romane und Werke von Charles Dickens in Zeitungen.

Meisheit dagegen hält sich mit tagebuchartigen Einträgen aus der Ich-Perspektive streng an die Blogform und nutzt das Netzinstrumentarium. So hat er den Eintrag, in dem Vanessas Sohn einen Wutanfall hat, zu einer Seite über das Trotzalter verlinkt. Wie viele Leser er genau hat, weiß er nicht. Die Analyse-Tools liefern widersprüchliche Ergebnisse, aber neulich hat er gesehen, dass sich einer zweieinhalb Stunden chronologisch durch den Blog arbeitete. „Er hat ihn linear wie ein Buch gelesen“, sagt Meisheit und wirkt erstaunt. Sein Blog soll mehr sein, Meisheit will Interaktion: Er hat Vanessa einen Twitter- und Facebook-Account angelegt, und als sie ein Date mit dem Außerirdischen hatte, bat sie über diese Kanäle um Restauranttipps. Es wurde der „Goldene Hahn“ in Kreuzberg. Auch die Kommentare unter dem Blog beeinflussen die Handlung: Kürzlich forderte eine Leserin, dass Malo beweisen solle, dass er ein Außerirdischer sei, und so geschah es.

In Zukunft würde Meisheit gern eine Frau als Vanessa an einen realen Ort schicken und Leser dazu einladen. So eine Durchmischung von Fiktion und Wirklichkeit gab es schon einmal ungeplant: In einem Eintrag, in dem Vanessa von einer Nachbarin erzählte, die über auf dem Hof abgestellte Gegenstände schimpfte, hatte Meisheit das Foto einer Spülmaschine hochgeladen, die wochenlang bei ihnen draußen stand. Zwei Tage später war sie weg. Wie sich herausstellte, ist der Nachbarssohn Vanessax-Fan und hatte seine Eltern ermahnt. Die Spülmaschine müsse nun wirklich weg, man schreibe schon im Internet über sie.

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