Kultur : Bloß keine Mittelachse!

Edgar Wisniewski, Architekt und Partner von Hans Scharoun, über die Attraktion der Berliner Philharmonie

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Herr Wisniewski, wie lange steht die Philharmonie noch?

Wenn nichts Unvorhersehbares passiert, hält Stahlbetonbau ewig. Selbst bei der Dachkonstruktion, die aus Spannbeton ist, hat es niemals Feuchtigkeitsprobleme gegeben wie jene, die zu den Schäden bei der Kongresshalle führten.

...obwohl Sie damals extrem billig bauen mussten!

Das stimmt: Weil Gegner aus der Politik Scharouns Gebäude verhindern wollten, wurden die Kosten extrem niedrig angesetzt. Zunächst waren sieben Millionen Mark bewilligt, dann durfte es nicht mehr als zehn Millionen kosten. Letztlich haben wir es für 17,5 Millionen geschafft, allerdings ohne die nachträglich finanzierte Fassadenverkleidung. Abgesehen von dem Saal und dem Foyer war nur ein nicht angemessenes Raumprogramm zu realisieren. Der Missstand, dass es viel zu wenig Übungs und Solistenzimmer gab, wurde zum Glück beim Bau des Kammermusiksaals behoben.

Kein Wunder, dass es Widerstände gab. Scharouns Entwurf war revolutionär.

So einen organhaften Bau, bei dem alles von innen nach außen entwickelt wurde, hatte es zuvor niemals gegeben. Schon auf der Urskizze kann man sehen, dass die Musik im Mittelpunkt steht, während die Außenform noch ganz vage bleibt. Auch das „Tal“ ist zu erkennen, mit dem Foyer unter dem Saal, das sich in der konvexen Form der Decke spiegelt. Scharoun wollte keine Kuppel, weil sie – abgesehen von akustischen Problemen – immer Pathos erzeugt. Darum wählte er eine leicht wirkende Zeltform.

Zu den erstaunlichen Details der Philharmonie gehört, dass es, lange vor der Schaffung spezieller Vorschriften, Behindertenplätze gibt.

Scharoun wollte keinen elitären Raum, wo sich die Rangordnung in Rängen ausdrückt. Und er wollte weg von der Mittelachse des traditionellen „Schuhkarton“-Konzertsaals. Also setzte er die Ehrenloge an die Seite, 11 Meter über das Orchester. Und direkt daneben die Behindertenloge mit speziellem Aufzug. Da Scharouns erste Frau an den Rollstuhl gefesselt war, erschien ihm das ganz selbstverständlich.

Welchen Sinn haben die Sonderplätze?

Das sind eigentlich Raummusikemporen, linkerhand über den Blöcken H und K sowie neben der Orgel. Hier sollen die Musiker stehen, wenn doppelchörige Werke von Gabrieli oder Monteverdi gespielt werden, hier haben die Trompeten des jüngsten Gerichts für Verdis Requiem ihren Platz, ebenso wie die Fernorchester des Berlioz-Requiems. Die Fanfaren, die Boris Blacher zur Eröffnung 1963 komponierte, erklangen von diesen Emporen. Raumklangeffekte gibt es in der Musik seit Renaissance, nicht erst bei zeitgenössischen Komponisten wie Boulez, Stockhausen oder Nono.

Leider nehmen die Dirigenten diese vom Architekten angebotene Möglichkeit für Konzerte kaum wahr.

Ebenso wenig wie den Orchestergraben. Die meisten Besucher haben wohl schon den Aufzug für den Konzertflügel in Aktion gesehen. Aber zusammen mit dieser Fläche lässt sich noch ein weiterer Bereich der Bühne absenken, so dass ein Orchestergraben entsteht, in dem genug Musiker für Wagner- und Strauss-Opern Platz finden. Zu meinem Bedauern ist von dieser Möglichkeit aber noch nie Gebrauch gemacht worden.

Warum befindet sich die Orgel eigentlich nicht an der zentralen Rückwand, wie sonst üblich?

Scharoun wollte ja auf jeden Fall die Wirkung einer Mittelachse vermeiden. Darum gab es zuerst sogar die Idee, die Pfeifen wie ein Diadem über dem Podium anzuordnen. So wäre aber kein homogener Klang zu erreichen gewesen. Darum kam die Orgel auf die rechte Seite. Zusätzlich gibt es übrigens auch noch die zweiteilige kleine Chor-Orgel, die sich hinter den Lamellen an den Treppen rechts und links der Podiumsplätze „versteckt“.

Es fällt auf, wie zerkratzt der Boden des Orchesterpodiums ist. Fehlt mittlerweile sogar das Geld, diese zentrale Fläche zu pflegen?

Also, mich stört das nicht. Damit Celli und Kontrabässe mit ihren Metallstacheln Halt auf dem Boden finden, wurde ein sehr weiches Holz gewählt. Die Kratzspuren, die hier entstehen, haben auch Vorteile: Der aufgeraute Boden absorbiert partiell den näselnden Klang der scharfen Obertöne der tiefen Streicher. So wird der Gesamtklang weicher.

Das Stichwort „Klang“ führt zu einem dunklen Kapitel in der Philharmonie-Geschichte...

...der Erneuerung der Saaldecke Anfang der 90er Jahre: Die ursprüngliche Rabitz-Decke wurde durch unsachgemäße Behandlung zerstört. Sie war durchschnittlich nur 15 Millimeter dick und mit vielen Drähten an der Betondecke befestigt. So konnte das Stahlseil eines falsch aufgehängten Lautsprechers in die Decke einschneiden, jedes Mal, wenn er heraufgezogen oder heruntergelassen wurde, bis schließlich ein Quadratmeter des Feinputzes herunterkam. Da hieß es, die Decke sei altersschwach, alles wurde abgerissen. Die neue Decke, die jetzt vier Zentimeter dick ist, wurde aber an einer Stahlkonstruktion starr aufgehängt. Dadurch kann sie nicht mitschwingen. Die ursprüngliche dünne Decke hat Teile der tiefen Frequenzen absorbiert, das Schlagwerk und das schwere Blech wurden gemildert. Auch die hohen Töne wurden durch die mitschwingende Decke diffus reflektiert. So entsteht das, was wir atmosphärischen Klang nennen.

Wie viel Technik versteckt sich eigentlich unter den einzelnen Blöcken?

Unter den Platzgruppen ist jeweils ein Hohlraum, der als Druckkammer für die klimatisierte Luft dient. Unter jedem Sitz strömt sie heraus - allerdings gebremst durch ein schwarzes Prallblech, damit Ihnen die gekühlte Luft nicht direkt um die Fersen weht.

Was geht Ihnen durch den Kopf, jetzt wo die Philharmonie 40 Jahre alt wird?

Ich würde sagen: 40 Jahre jung! Denn ich kann an der Ausstrahlung der Philharmonie die zurückliegenden Jahrzehnte nicht erkennen – sie ist zeitlos, weil der Bau keiner Architektur-Mode unterworfen ist. Hans Scharoun ist es gelungen, den Archetyp der menschlichen Runde zu erweitern zu einem Saal von 2400 Plätzen. Für mich ist die Philharmonie Jetztzeit.

Das Gespräch führte Frederik Hanssen.

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