Kultur : Blutige Reinigung

Flucht statt Freiheit: die iranisch-amerikanische Videokünstlerin Shirin Neshat im Hamburger Bahnhof

Christina Tilmann

Männer! In Shirin Neshats Videoarbeit „Rapture“ von 1999 bleiben sie in der sicheren Festung zurück, während die Frauen mit dem Ruderboot hinausfahren aufs offene Meer, in die Freiheit. Und die Männer, immerhin, winken ihnen nach: ein versöhnlicher Schluss. In Neshats neuester Arbeit „Zarin“ haben die Männer ihr Gesicht verloren, sind nur noch schrecklich amorphe Masken ohne Augen, Mund und Nase. Sie treten der Frau bedrohlich aus einem Torbogen entgegen: da bleibt ihr nur noch die Flucht.

Flucht statt Freiheit, ist das die Entwicklung der letzten Jahre? In der iranischen Gesellschaft habe sich unter Chatami viel verändert, hatte Kuratorin Britta Schmitz vom Hamburger Bahnhof zuvor erklärt. Auch Neshat selbst, die seit 1972 in den USA lebt und sich eigentlich als Amerikanerin fühlt, hatte in den vergangenen Jahren immerhin zwei Ausstellungen in ihrer Heimat. Ihre neuen Arbeiten, basierend auf dem Roman „Women without Men“ der iranischen Schriftstellerin Sharnoush Parsipur, dürften es dennoch nicht nach Teheran schaffen: der Roman selbst, 1989 erschienen, ist seitdem im Iran verboten, die Autorin war lange Jahre inhaftiert und lebt seit 1994 in den USA. Und die Themen, die sie aufgreift, Kinderprostitution, Vergewaltigung, Sex vor der Ehe, sind im Iran immer noch ein gesellschaftliches Tabu.

Frauen ohne Männer: Das ist auch Neshats Thema, seit der berühmten Fotoserie „Women of Allah“, mit der sie Mitte der Neunzigerjahre bekannt wurde. Einige Beispiele daraus flankieren nun auch die Einzelausstellung im Seitenflügel des Hamburger Bahnhofs, die ansonsten ganz auf Neshats neueste Arbeiten fokussiert ist. Zwei Zehnminüter, „Zarin“ und „Mahdokht“, sind die ersten Ergebnisse von Neshats Beschäftigung mit dem Roman ihrer Freundin Sharnoush Parsipur. Fünf Filmsequenzen sollen es insgesamt werden, das Ganze in Farbe und auf Spielfilmlänge: die Videokünstlerin Shirin Neshat, seit den Neunzigern auf allen Biennalen und Documentas gefeiert, sucht erkennbar neue Wege.

Doch Spielfilm, das heißt: der Einzelmensch. Ein Schicksal. Ein Gesicht. Und Dialoge. Nicht mehr der Mensch als Masse, als Ornament, eine Gesellschaft in Schwarz und Weiß, wie es „Rapture“, der als Reminiszenz noch einmal gezeigt wird im Hamburger Bahnhof, bündig vorgeführt hat: die Frauen, schwarze Vögel im Tschador, die Männer, uniformiert in schwarzer Hose, weißem Hemd. Jetzt ist plötzlich Farbe im Spiel, und man kann nicht sagen, dass damit viel gewonnen ist. Sicher, die Massen an gelbem Garn, aus dem die Lehrerin Mahdokht Kleider für ihre Nichten und Neffen strickt, manisch, unablässig, in einem weiten, lichten Wald: ein starkes Bild. Auch die Eingangssequenz des Films, ein Rinnsal in trockenem Land, dann ein Felsbogen, ein Tor zum grün wuchernden Paradiesgarten, und in den grünen, blühenden Wassern eine Frau in weißem Kleid, Ophelia, die Wasserleiche, aber auch der Wassergeist, die Träumende: auch das vergisst man nicht. Aber dann wabern die Nebel und zirpen die Vögel, und acht gelbe Kinder tollen durch die Olivenhaine – das sieht man sich satt. Gefällig, sonst nichts.

Schlimmer jedoch noch „Zarin“, der jüngste Film. Er erzählt, anders als „Mahdokht“, eine richtige Geschichte: die der Kinderprostituierten Zarin, die irgendwann alle Freier, dann alle Männer ohne Gesicht sieht und ins Hamam, ins Badehaus flüchtet, um sich rituell zu reinigen. Man sieht: neblige Badeszenen, in Handtücher gehüllte Frauen, die sich gegenseitig den Rücken einseifen. Und dann: ein mageres, blasses Mädchen, das sich die Haut mit einer Bürste blutig schrubbt. Eine Reinigung, die bis aufs Blut geht, Selbstverletzung nach Fremdverletzung – so viel platte Symbolik, und wenig Kunst dazu.

Deutlich, klar und unmissverständlich war die Symbolik bei Neshat schon immer. Die stummen Frauen, die beredten Männer. Die Menschen als Masse, Ornamente in karger Landschaft. Szenen der Verfolgung, des Einkreisens, der Jagd. Ein Aufbruch in die Freiheit und ein Verwachsen mit der Natur. Doch so lange das im Medium der Videoarbeit blieb, oft mit raffinierten Doppelprojektionen, in suggestivem Schwarz-Weiß und klug komponierten Bildern, waren es Szenen von universeller Verständlichkeit: archaisch, magisch, unvergesslich.

Nun, im Spielfilm, in Farbe, mit Handlung und Dialog, erwartet man mehr. Zwischentöne. Nuancen. Charaktere. Entwicklung. Auch das Traumkino eines Wong Kar-Wai, eines Andrej Tarkowski, Krzystof Kieslowski oder Abbas Kiarostami, die Neshat als ihre Vorbilder angibt, leben von ihrer Genauigkeit in den Charakteren – und einer gewissen Uneindeutigkeit in der Gesamtanlage. Das ist bei Shirin Neshat leider umgekehrt: Was Mahdokht, was Zarin in ihren demütigenden Positionen hält, ist – zumal bei nicht untertitelten Filmen, die die Dialoge auf bloße Tonspur reduzieren – schwer nachvollziehbar. Die Botschaft dagegen ist überdeutlich.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50, bis 4. Dezember. Katalog (Steidl) 20 €.

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