Kultur : Böser schenken

Fabelhaft: die iranische Moritat „Modest Reception“.

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Smile!
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Geld und Moral passen bekanntlich nicht gut zusammen. Mani Haghighi hat aus diesem Gemeinplatz eine zum Schreien komische, zum Weinen wahre Filmgroteske entwickelt – eine dieser meisterlichen, halb klandestin entstandenen Produktionen aus dem Iran, die wie Asghar Farhadis oscarprämiertes Ehedrama „Nader und Simin“ auf der Berlinale gefeiert wurde, dann aber einen tapferen Filmverleih braucht, um nun wenigstens ein paar reguläre Zuschauer zu finden.

Dabei hat „Modest Reception – Die Macht des Geldes“ alles, was sonst Hollywood bietet: Spannung, Action, Tempo, schillernde Helden, eine rasante Eröffnungssequenz, Humor. Allerdings einen der pechrabenschwärzesten Art, wie sie schon Haghighis Politfarce „Men at Work“ (2006 im Berlinale-Forum) auszeichnete. Erneut schickt der Regisseur, der häufig mit Farhadi zusammen gearbeitet hat, Teheraner Großstädter ins Gebirge: Ein dunkler Lexus kurvt durch eine verschneite, offenbar umkämpfte Grenzregion, in der Bomben gefallen sind. Ein Soldat stoppt den Wagen und sieht sich mit einem mörderisch streitenden Paar konfrontiert. Eheleute, Geschwister? Genau erfährt man es nie, der Soldat wird jedenfalls im Nu in die wütenden Tiraden von Leyla (Taraneh Alidoosti) und Kaveh (Regisseur Haghighi) verwickelt, die einander der Lüge und weiterer Untaten bezichtigen. Bis sich der Kofferraum öffnet, der mit Plastiksäcken voller Geld gefüllt ist, und der Soldat zwischen herumflatternden Scheinen zurückbleibt, während das Paar lachend davonfährt.

Das ist die erste Station des Roadmovies. Leyla und Kaveh wollen 300 Geldsäcke verteilen und finden weitere Opfer. Einen bärtigen Alten im Plastikplanenverschlag, einen Coffeeshop-Betreiber, einen Bauern mit sterbendem Esel, zwei Lkw-fahrende Brüder, einen Bauarbeiter, einen Vater, der sein von der Bombe getötetes Kind begraben will und sich an der gefrorenen Erde abmüht. Jedem schenken sie einen Sack Geld, knüpfen die Almosen jedoch an grausame Bedingungen. Der Bergbauer soll dem Esel den Gnadenschuss verweigern, der Lkw-Fahrer muss auf den Koran schwören, seinem bedürftigen Bruder nichts abzugeben, und der Vater soll Kaveh sein totes Baby verkaufen.

Eine politisch-philosophische Parabel, eine diabolische Versuchsanordnung: über die korrumpierende Macht des Geldes, die (Auto-)Aggression in einem unfreien Land, die Zweifelhaftigkeit von Almosen (wie machen es dort die Muslimbruderschaften?), die Arroganz der städtischen Bourgeoisie gegenüber der bettelarmen Landbevölkerung – und über das Janusgesicht des Kinos. Nach der Herkunft des Geldes gefragt, trägt das Paar jedes Mal eine andere Geschichte vor.

Trau, schau, wem: Leyla und Kaveh filmen die Geldübergaben mit dem Smartphone, bis sie nach einer gespenstischen Nachtszene all ihrer Habe beraubt sind: der Geldsäcke, des Wagens, ihres Zynismus. Die Erde bleibt gefroren, aber vielleicht bekommt das tote Baby doch noch ein Grab. Christiane Peitz

fsk am Oranienplatz (OmU)

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