Bolat Atabajew in Berlin : "Ich wollte die Regierung Kasachstans verhöhnen"

In seiner Heimat droht dem Regimekritiker die sofortige Verhaftung. Vorerst bleibt der kasachische Theaterregisseur im Berliner Exil - und lädt zur Pressekonferenz.

Kaspar Heinrich
Foto: dapd
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Der kasachische Theaterregisseur und diesjährige Goethe-Medaillen-Preisträger Bolat Atabajew bleibt vorerst in Berlin. In seiner Heimat droht ihm wegen der Unterstützung streikender Ölarbeiter und seiner Kritik an Staatspräsident Nursultan Nasarbajew weiterhin die Verhaftung. Vergangene Woche wollte Atabajew von Brüssel aus zurück nach Kasachstan reisen, ließ das Flugticket jedoch verfallen. Seine Anwältin hatte ihn telefonisch vor einer Verhaftung gewarnt, nachdem der Oppositionspolitiker Vladimir Koslov zu mehr als sieben Jahren Haft verurteilt worden war. Nun wohnt Atabajew in der deutschen Hauptstadt.

Bereits im Juni war er in seinem Heimatland festgenommen worden und hatte 20 Tage im Gefängnis gesessen. „Ich habe die Verhaftung damals provoziert“, sagte Atabajew am Donnerstag in Berlin. Er habe zwei Monate lang nicht auf Vorladungen reagiert. „Ich wollte die Regierung auf diese Weise verhöhnen.“ Die Mehrheit der kasachischen Gesellschaft sei träge und ängstlich, sie scheue sich davor, den autokratischen Präsidenten der ehemaligen sowjetischen Teilrepublik Kasachstan öffentlich zu kritisieren, so Atabajew. „Alle warten, dass jemand mit den Protesten beginnt. Da spiele ich gerne den Sündenbock.“ Die Streiks der Ölarbeiter, die im vergangenen Jahr sieben Monate gedauert hatten, bedeuteten den Beginn einer Zivilgesellschaft. Nach friedlichen Protesten waren im Dezember bei Ausschreitungen mit der Polizei in der Stadt Schanaosen 16 Menschen ums Leben gekommen.

Doch die Unterstützung Nasarbajews durch westliche Regierungen gehe weiter, kritisierte Atabajew. „Viele Politiker vergessen, dass sie Demokraten sind. Für sie zählen nur wirtschaftliche Interessen“, sagte er und verwies dabei auch auf Bundeskanzlerin Merkel. Erst im Februar hatte sie mit dem kasachischen Präsidenten für Deutschland eine Rohstoffpartnerschaft beschlossen.

Finanziell unterstützt wird Atabajew von anonym bleibenden kasachischen Unternehmern, die ihm auch den Aufenthalt in Berlin ermöglichen. Demnächst will der Regisseur nach Brüssel reisen, um mit Vertretern der EUKommission zu sprechen. Im November wird über ein erneuertes Abkommen zum Umgang der Europäischen Union mit Kasachstan abgestimmt.

Die Goethe-Medaille nannte Atabajew einen „Schutzengel“. Im August war sie ihm in Weimar als „mutigem Kämpfer für demokratische Strukturen“ verliehen worden. Kaspar Heinrich

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