Bonjour Cannes (9) : In den Schweizer Zauberbergen

Bisher war das Rennen in Cannes eher gemächlich. Jetzt endlich gibt es, neben Todd Haynes' "Carol", einen zweiten Favoriten auf die Goldene Palme: "Youth" von Paolo Sorrentino. Und eine kleine Revolution in der weiblichen Kleidungskonvention.

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Silver Ager. Fred (Michael Caine, l.) und Mick (Harvey Keitel)
Silver Ager. Fred (Michael Caine, l.) und Mick (Harvey Keitel)Foto: Filmfestspiele Cannes

Zuerst die gute Nachricht: Frauen, die anlässlich der abendlichen Galavorführungen die berühmten Treppen zum Festivalpalast in Cannes hinaufsteigen, müssen keineswegs High Heels tragen. Einige Irritation hatte es am Dienstag gegeben, als übereifrige Kontrolleure manchem weiblichen Filmfan mit flachem Schuhwerk den Zugang verwehrten. Tags drauf stellt das Protokoll klar: Smoking für den Herrn, festliche Kleidung für die Dame. Alles wie gehabt also. Nur sind nun – weiblicherseits – offenbar auch Flipflops ausdrücklich willkommen, nicht nur zum Sandalenfilm.

Und nun die noch bessere Nachricht: Nach vier Tagen bangen Darbens hat Todd Haynes’ „Carol“, bislang einsamer Spitzenreiter im eher gemächlichen Rennen um die Goldene Palme, endlich Konkurrenz bekommen. Paolo Sorrentinos in der Schweiz, England und Italien auf Englisch gedrehter Film „Youth“ verführt die Besucher der morgendlichen Pressevorführung am Mittwoch zu heftigem Applaus (und versprengten Buhs), und bei der anschließenden Pressekonferenz baden vor allem die Hauptdarsteller Michael Caine und Harvey Keitel in regelrechten Ovationen.

Eine Farce, in die sich Bitterkeit und Weisheit in gleichen Teilen hinzumischen

Ein Hotel, halb Luxus-Oase, halb Sanatorium, hoch oben in den Schweizer Zauberbergen: Hier verbringen zwei uralte Freunde ein paar Sommertage. Der 82-jährige Caine spielt den Komponisten und Dirigenten Fred, der sich so entschieden zur Ruhe gesetzt hat, dass er sogar der Queen ein Ständchen mit seinen berühmten „Simple Songs“ verwehren will. Und der 76-jährige Keitel hat, als Regisseur Mick, zwar sein Autorenfilmer-Testament „Life’s Last Day“ in petto, kriegt aber die Schlussszene trotz eines Quintetts von Script-Assistenten partout nicht hin. Die Hauptrolle immerhin soll die Diva Brenda Morel (furchtlos furchtbar: die 77-jährige Jane Fonda) spielen, also scheint das Projekt ein sicheres Ding. Fred, ein sanftmütig gewordenes Ego-Tier, müht sich derweil, seine Tochter (Rachel Weisz) aufzumuntern, deren Mann zu einem sexy beast übergelaufen ist, einem Popstar auch noch – in den Augen der beiden Alten schlimmer als eine Prostituierte!

Eine Farce, zumindest anfangs – gerade so, als hätte Sorrentino die gloriose Celebrity-Leere aus „La grande bellezza“ ein Dutzend Jahre weiterspinnen wollen. Dann aber, eingebettet in ein Panoptikum kurioser Gästegestalten jedweder Generation, mischen sich Bitterkeit und Weisheit in stets gleichen Teilen hinzu. Bis jemand die Notbremse zieht und ein anderer pumperlgesund in die ewige Jugend entschwindet.

Handlungsfäden werden aufgenommen und entspannt liegen gelassen, irrwitzige Szenen treffen auf vorsätzlichen Leerlauf, dann wieder fangen Leute an, sich zu lieben oder zu hassen, oder auch nicht. Gesehen ist das alles mit den weisen Schildkrötenaugen Freds und aus dem lebenslang verletzlichen Blickwinkel Micks. Das Leben lahmt längst in der Bonuszeit, und da ist es eigentlich egal, ob man gerade einem Kuhglockenkonzert oder einer Kletterfelsenübung beiwohnt – es sei denn, Miss Universe steigt gerade neben einem nackt in den Pool.

Das Alter. Die Unsichtbarkeit für die Jüngeren. Ein feines Vorbeigehen und Vorkommen dann doch in deren Welt. All das spielt „Youth“ in aller Schwerelosigkeit an, bevor der Film sich davonmacht in ein magistrales musikalisches Finale. Und traumwandlerisch übergeht in eine Pressekonferenz, in der vor allem Michael Caine auch auf seltsamste Fragen umwerfende Antworten hat. War es nicht komisch, den nackten Körper so im Film zu zeigen? „Nun, das ist der einzige, den ich habe.“ Und überhaupt, schon eine traurige Oldie-Rolle, oder? „Die einzige Alternative für mich wäre, einen Toten zu spielen.“

Weitere Berichte zu den Filmfestspielen in Cannes unter www.tagesspiegel.de/cannes

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