Bonn Park gewinnt den Stückemarkt : Wenn Kim Jong-un weint

Ein großes Talent der deutschen Gegenwartsdramatik: Der Berliner Autor Bonn Park gewinnt mit „Das Knurren der Milchstraße“ den Stückemarkt des Theatertreffens.

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Befindlichkeiten ablauschen. Bonn Park, geboren 1987 in Berlin.
Befindlichkeiten ablauschen. Bonn Park, geboren 1987 in Berlin.Foto: Niklas Vogt

Es treten auf: Der fassungslose Kim Jong- un. Der ernüchterte Donald Trump. Die gelassene Giraffe. Der mahnende Außerirdische. Die fette Heidi Klum. Sowie die zornige Frau, die die Sozialdemokratie rettet. Überaus vielversprechendes Personal also. Zumal der fassungslose Kim Jong-un gleich mal mit einem herzergreifenden Bekenntnismonolog über seine scheiternden Bemühungen loslegt, die beiden Koreas wiederzuvereinigen. „Manchmal“, bekennt der feinfühlige Despot mit der Bombe, „setze ich mich einfach in meinen Atomschutzbunker und weine, schaue in den Spiegel und schminke mich so, dass man es nicht mehr sehen kann, und mache weiter“. Hilft ja nichts.

Der ernüchterte Donald Trump hingegen berichtet davon, wie er seinen Präsidentenjob hingeschmissen und erst mal auf einem Frachtdampfer angeheuert hat, wo er eine Affäre mit einem Filipino aus dem Maschinenraum begann: „Wir übertrumpften uns mit den Beschissenheiten unserer Existenz, doch er gewann klar. Denn ich wurde geboren als der weiße Sohn eines Milliardärs in den USA und er als der Sohn eines einarmigen Kettenrauchers in internationalem Gewässer“.

Der Mann, der diesen Weltenlenkern, Witzfiguren und Trash-Ikonen ihre innersten Befindlichkeiten für eine kühne Zukunftsvision abgelauscht hat, heißt Bonn Park. Er hat mit seinem Text „Das Knurren der Milchstraße“ den Stückemarkt des diesjährigen Theatertreffens gewonnen. Und das so was von zu Recht! Der 1987 geborene Berliner Autor ist das größte Talent der deutschen Gegenwartsdramatik seit Wolfram Lotz („Die lächerliche Finsternis“) und mit ähnlicher Fähigkeit gesegnet, moralische Geschichten ins Irrlichternde und Komische zu überdrehen.

Insgesamt ein ansehnlicher Stückemarkt-Jahrgang

Nicht, dass Park damit erst jetzt aufgefallen wäre. Er hat schon auf diversen Stückemärkten und Autorentagen von sich reden gemacht, unter anderem 2011 in Heidelberg, wo seine Farce „Die Leiden des jungen Super Mario in 2D“ prämiert wurde. Oder auch im Theater an der Parkaue, wo seine Collage „Toleranzig“ lief. Die ließ zum Beispiel den Verkäufer einer Obdachlosenzeitschrift in der U-Bahn über die kommende Weltherrschaft der Berber fabulieren: „Und ganz am Ende kauf ich euch noch euer Geld ab und ich mache Pfandflaschen zur neuen Währung, die ihr um uns aufsammeln müsst, während wir sie austrinken und auf euch niederregnen lassen!“

Nun also hat Park den mit 7000 Euro dotierten Werkauftrag des Stückemarktes für eine neue Arbeit zugesprochen bekommen, die am Badischen Staatstheater Karlsruhe uraufgeführt wird. Und dabei hatte es sein Text nicht leicht. „Das Knurren der Milchstraße“ wurde in einer szenischen Lesung aufgeführt, an der neben anderen Schauspielerin Silvia Rieger mitwirkte. Die fühlte sich von Parks Fabulierlust zu einer improvisierten, zutiefst verstörenden Fasel-Tirade über Claus Peymanns Büchertisch auf dem Theatertreffen inspiriert, die viele Fragen nach dem Geisteszustand der angestammten Volksbühnen-Künstlerin aufwarf. Aber gut, so konnte der Text gleich mal seine Widerständigkeit beweisen.

Es war insgesamt ein ansehnlicher Stückemarkt-Jahrgang. Und ein erstaunlich traditioneller obendrein. In den vergangenen Jahren ist hier ja beständig mit Erweiterungen des Autorenbegriffs, neuen Kuratorenmodellen und anderen Errungenschaften der Theatermoderne experimentiert worden. Diesmal hat eine Jury schlicht sechs Arbeiten ausgewählt, die bis auf die Performance „Who cares?!“ in szenischer Lesung präsentiert wurden. Nicht die schlechteste Variante.

Die selige Zeit des guten Glaubens

„Who cares?!“ ist eine Arbeit vom jungen Künstlerinnenkollektiv Swoosh Lieu, die schon im doppeldeutigen Titel eine sehr berechtigte Frage aufwirft: Wer kümmert sich? Klare Antwort: die Frauen. Egal, ob als Mütter, Pflegekräfte, Sexarbeiterinnen, Erzieherinnen, Therapeutinnen und so fort. Mit etlichen dieser Sorgetragenden haben Swoosh Lieu Interviews geführt, die als Soundcollage in einer Performance über neoliberale Rollenverteilungen mit Reformbedarf aufgehen. Ein starker Entwurf. Und er wäre noch stärker, wenn er nicht mit einer Pusteblumen-Utopie über die Tage nach der „Care-Revolution“ enden würde, in denen der Kapitalismus besiegt ist, alle Grenzen gefallen sind, keiner mehr Geschlechter kennt und die Kinder gemeinschaftlich aufgezogen werden. Viel Spaß damit.

Die übrigen Stückemarkt-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer zeigten sich zwar auch um keine Fiktion verlegen. Schossen aber idealismusmäßig nicht ganz so hoch hinaus. Die Tschechin Petra Hulová versammelt in „Zelle Nummer“ die geistige Elite ihres Landes zu einer absurd- sarkastischen Leitkulturdebatte inklusive Fundamental-Analyse des Tschechentums. Ihre deutsche Kollegin Tine Rahel Völcker schickt in „Adam und die Deutschen (Die Mühle)“ einen jüdischen Loner auf die traumverlorene Reise in eine deutsch-polnische Grenzstadt. Tanja Šljivar erzählt in ihrem komplex gebauten Mehrgenerationenstück „We Are the Ones Our Parents Warned Us About“ von den Wunden des bosnischen Gegenwart. Ihr Schauplatz: eine öffentliche Toilette.

Gerahmt wurde der Stückemarkt von einer Konferenzreihe namens „The Art of Democracy“. Demokratie ist ja das Lieblingssorgenkind der Theatermacher. Auch hier weiß niemand besseren Rat als der kluge Bonn Park. Seine „zornige Frau, die die Sozialdemokratie rettet“ will die Wahlen abschaffen und stattdessen einen Zustand des immerwährenden Wahlkampfes etablieren. Weil es doch die selige Zeit des guten Glaubens und der Hoffnung ist. „Ich werde euch mästen mit Versprechen“, ruft sie. „Habt keine Angst!“

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