Booker-Preisträger Marlon James : Erlösung ist eine Fiktion

Bob Marley, die CIA, Jamaika und die Gangs: Marlon James erzählt wild und detailreich und lang "Eine kurze Geschichte von sieben Morden".

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Der jamaikanische Schriftsteller Marlon James. 2015 bekam er für "Eine kurze Geschichte von sieben Morden" den Man Booker Prize
Der jamaikanische Schriftsteller Marlon James. 2015 bekam er für "Eine kurze Geschichte von sieben Morden" den Man Booker PrizeFoto: Felix Clay/Verlag

Wie kurz lässt sich eigentlich die Geschichte von sieben Morden erzählen? Die Frage stellt sich bei diesem Romantitel sofort, und dass die Kürze reine Behauptung ist, zeigen schon die 853 Seiten, die der 1970 in Jamaikas Hauptstadt Kingston geborene Schriftsteller Marlon James für seinen 2015 mit dem Booker-Preis ausgezeichneten Roman „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ gebraucht hat. Oder die vier Seiten zu Beginn, auf denen er das Personal vorstellt, knapp siebzig Figuren.

Außerdem wird in diesem Roman um ein Vielfaches mehr gemordet, zumal sein Dreh- und Angelpunkt kein Mord ist, sondern ein missglückter, nie aufgeklärter Mordversuch. Jener, der am 3. Dezember 1976 auf den Reggae-Sänger Bob Marley verübt wurde. An diesem Tag stürmten mehrere Männer mit Waffen dessen Haus in der Hope Road, die in einem Nobelviertel von Kingston liegt. Sie verwundeten Marleys Frau Rita und seinen Manager schwer, Bob Marley aber kam nach Schüssen in Brust und Arme mit leichten Verletzungen davon. Weshalb er zwei Tage später auch auf dem „Smile-Jamaica“-Konzert auftreten konnte, das von dem damaligen Premierminister Michael Manley und der Peoples National Party, der PNP, organisiert wurde.

Bob Marley ist zwar in James‘ Roman im Personenglossar aufgeführt als „der Sänger“. Als solcher wird er hier von allen auch nur bezeichnet, nie mit seinem vollen Namen. Doch Hauptfiguren sind andere: die Chefs von kriminellen Vereinigungen und Gangs, sogenannte Dons, die die Stadtviertel von Kingston unter sich aufgeteilt haben, zum Beispiel Papa-Lo, Josey Wales oder Shotta Sheriff; dann Auftragskiller und untergeordnete Mitglieder wie Demus, Bam-Bam oder John-John K; ein CIA-Agent, der Barry DiFlorio heißt, und diverse seiner Berater; eine Frau, die mit Marley eine Affäre hatte, Nina Burgess. Und schließlich mit Alex Pierce noch ein Reporter des „Rolling Stone“, den der Zufall ausgerechnet an dem Tag in das Haus des Reggae-Stars führt, als dieser ermordet werden soll – so jedenfalls will es die Fiktion von Marlon James.

1978 kam es zu einem legendären Friedenskonzert

All diese Figuren erzählen im steten Wechsel aus ihrer jeweiligen Perspektive, was ihnen am 2. und 3. Dezember 1976 und schließlich viele Jahre danach passiert. Was sie mit Marley zu tun haben, von ihm wollen, warum sie Gangmitglieder oder Dons geworden sind. Und vor allem: Wie es überhaupt auf Jamaika in den siebziger Jahren zugeht. Zu dieser Zeit bekämpfen sich die regierende PNP und die rechtsgerichtete JLP, die Jamaican Labour Party auf Schärfste und Brutalste, nicht zuletzt mit Hilfe der Banden. Es herrschen 1976 bürgerkriegsähnliche Verhältnisse, der Ausnahmezustand ist ausgerufen. 1978 kommt es schließlich zu einem legendären Friedenskonzert („One Love Peace“), auf dem Bob Marley abermals dabei ist und die Führer beider Parteien zu einem Händeschütteln veranlasst, auf dass der Krieg auf der Insel ein Ende haben möge.

Die große Leistung von James besteht darin, diese Geschehnisse als zwar wichtigen Subtext in die vielmehr von ihrem jamaikanischen Alltag und der jamaikanischen Geschichte bestimmte Suada seiner Protagonisten einfließen zu lassen. Das Leben auf der Insel besteht aus Gewalt, Rassismus, Drogen, Sex, Reggae, Frauenfeindlichkeit, politischer Willkür und Gesetzlosigkeit. Zudem mischen immer wieder die USA mit, als „Babylon“, wie sie hier oft genannt werden, weil sie in Sorge sind, nach Kuba ein weiteres Land an den Kommunismus zu verlieren. James lässt seine Figuren in den glaubhaft unterschiedlichsten Zungen sprechen: von bürgerlich-geordnet über kreisenden Gang-Slang, Dialekt und Patois bis hin zu angsterfüllten, ohne Punkt und Komma auskommenden Ausbrüchen. Mal gibt es innere Monologe und Bewusstseinsströme, dann wieder dominieren comichafte, mitunter betont redundante Dialoge. In seiner Gesamtheit erinnert das an ein erklärtes Vorbild von James, William Faulkner, aber auch an die Filme eines Quentin Tarantino.

Mag Marley, der 1976 auf dem Sprung zum Superstar war, eine Art Friedensengel gewesen sein: Sein Krebstod 1981 ist ein Fanal. Insbesondere die Gangster und Killer führen ihr Business fort. „Etwas Neues liegt in der Luft. Eine Evolution im Rückwärtsgang“, weiß hier eine Figur aus dem Reich der Toten, ein „Duppy“, um im Slang zu bleiben, der ermordete jamaikanische Politiker Sir Arthur Jennings, auch eine fiktive Figur.

13 Erzähler, fünf Übersetzer, 70 Figuren, 56 Hoffnungen

Schließlich verlegt James den Schauplatz seines wilden, vielstimmigen, oft komischen, oft ultrabrutalen Romans ins New York der Jahre 1985 und 1991. Gangster wie Josey Wales, Weeper oder ein gewisser Eubie steigen hier groß ins Drogengeschäft ein und kontrollieren den Crack-Handel in Brooklyn und der Bronx. Trotzdem holt ihre Vergangenheit sie immer wieder ein. Es scheint, als verfolge sie der Geist „des Sängers“ und sein „Redemption Song“: „Drei Killer haben den Sänger überlebt“, lässt James seinen Jennings sagen. Denn die Toten hören eben nie auf zu reden, und die Lebenden können sie manchmal hören:„Einer stirbt in New York. Einer sieht und wartet in Kingston inmitten von Geld und Kokain, und einer verschwindet hinter dem Eisernen Vorhang, wo er nun sitzt und darauf wartet, dass er eine Kugel in den Kopf bekommt, bald schon, er weiß es.“

Doch gerade auch die Guten haben in New York so ihre Probleme. Wie Nina Burgess, die andere Namen annimmt und als Krankenschwester zu arbeiten beginnt. Oder der „Rolling-Stone“-Schreiber, den Jamaika nicht loslässt und der von den Drogenkartellen gejagt wird. Alex Pierce hat damals im Haus des Sängers einen der Attentäter erkannt, weiß überhaupt viel zu viel und will all das in einem Buch über die Ereignisse auf Jamaika und in New York City erzählen. Es trägt den Titel: „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“. Mit dieser Metafiktion schließt James einen Kreis, da deutet er an, dass Pierce Züge eines Alter Egos trägt – ohne das aber allzu ernst zu nehmen. „In Teil eins hast du geschrieben, dass elf Leute ermordet wurden. Wie kommst du jetzt auf sieben?“, fragt einer der Gangster, die Pierce foltern. „Über die anderen vier konnte ich nichts in Erfahrung bringen“, antwortet der, nachdem er sich erst einmal in die Hose gemacht hat. „Wobei, sieben ist auch eine schöne Zahl.“ Außerdem weiß Pierce, dass man „irgendwann eine Story ausbauen muss“, sie brauche „nicht nur Tiefe, sondern auch Breite“.

Daran hat sich Marlon James beim Schreiben seines Romans gehalten. „Die kurze Geschichte von sieben Morden“ mit ihren 13 Erzählern (und fünf deutschen Übersetzern, die eine wahrlich gute Arbeit gemacht haben) ist zwar ausufernd und manchmal anstrengende Lektüre. Sie bietet passagenweise aber große Unterhaltung und durchdringt, komplex und hellsichtig, die historische, politische und kulturelle Gemengelage Jamaikas.

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