Bosnien-Kriegsroman „Phantome“ : Die Schrecken der Vergangenheit

Der Lärm des Krieges in der Stille des Friedens: Der österreichische Schriftsteller Robert Prosser erzählt in seinem Bosnien-Kriegsroman „Phantome“ in einer rauen Sprache vom Trauma der Flucht.

Anne-Sophie Schmidt
Kennt sich auch in der Sprayer-Welt aus. Der österreichische Schriftsteller Robert Prosser, 33.
Kennt sich auch in der Sprayer-Welt aus. Der österreichische Schriftsteller Robert Prosser, 33.Foto: Melanie Hauke/Ullstein Verlag

Menschen, denen Gliedmaßen amputiert wurden, haben ein lebhaftes Bewusstsein für das fehlende Körperteil. Sie glauben, es bewegen zu können oder fühlen Schmerzen. Dieses Phänomen nennt sich Phantomschmerz. Der Name ist irreführend, denn die Schmerzen sind für einen Gliedamputierten real, sie haben eine biologische Basis. Ähnlich ist das mit den Phantomen im gleichnamigen, zweiten Roman des jungen österreichischen Autors Robert Prosser. Nur handelt es sich in diesem Fall um Erinnerungen an die kriegserschütterte Geschichte Ex-Jugoslawiens, und diese Erinnerungen sind für die Figuren des Romans weiterhin auch mit realen Schrecken verbunden.

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„Phantome“ beginnt zunächst ganz harmlos, mitten in der Welt eines namenlosen Graffiti-Sprayers im Wiener Untergrund. Er ist ein sympathischer junger Kerl, sucht den Nervenkitzel, ohne ein Draufgänger zu sein. Selbst- und verantwortungsbewusst verfolgt er seine künstlerische Arbeit, die er auch als solche versteht. „Ich will laufen, zeichnen, malen, Spots suchen, ich will die Dosen klappern hören." Die Sprache ist konsequent dicht, elliptisch, rau. Der Ton wirkt nie konstruiert, die popkulturellen Referenzen sind stimmig, und so erscheint Prossers Roman auf dieser Ebene angenehm authentisch.

Bosnien lässt sich nicht abschütteln

Über seine Freundin Sara, Tochter einer Bosnierin, kommt der Graffiti-Poet in Berührung mit der blutigen Geschichte Bosniens und erkennt Parallelen zu seinem Graffiti-Kosmos: Das Land wie seine Kunst funktionieren nach strengen Regeln, die für Außenstehende nur schwer zu durchblicken sind. Allein schon im Ahnenkult sieht er Gemeinsamkeiten: „Ständig stieß ich auf diese serbischen, kroatischen oder muslimischen Gangster und Kriegsherren, sie werden nicht nur als Verbrecher, sondern ebenso als Helden bezeichnet.“ Sprachlich und erzählerisch ist dieser erste Teil tatsächlich der stärkste des Romans, selbst wenn die Vermischung von Graffiti-Kosmos und Balkankrieg nicht immer überzeugt.

Die Reflexionen des unbeteiligten Nachgeborenen ergänzt Prosser im zweiten Teil mit den Erfahrungen von Anisa und Jovan, die 23 Jahre zuvor den Krieg miterlebten. Anisa ist Saras Mutter, und aus wechselnder Perspektive entfalten sie und ihr damaliger Freund Jovan ein Mosaik der Anfänge des Bosnienkriegs 1992. Für Anisa sind ihre Kriegs- und Fluchterlebnisse rote Fäden, die sich durch ihr Leben ziehen und dieses verwirren. Bosnien lässt sich nicht abschütteln. Auch in Wien, wo sie schließlich landet, in der sicheren Turnhalle oder beim Museumsbesuch, ist die Vergangenheit den Geflohenen stets gegenwärtig. Ihre Erinnerungen und Rückblenden und die Geschichten ihrer Bettnachbarn ergeben ein vielschichtiges Bild, das sich aus vielen kleinen Splittern aus den Scherben des Bosnienkriegs zusammensetzt.

Integration statt Aufarbeitung

Auf Besuch in Srebrenica findet der junge Sprayer über zwanzig Jahre später eine „Überfülle an Geschichten“, „Srebrenica ein Meer, das viel zu groß war, viel zu ungestüm, um es begreifen zu können.“ Ein ähnliches Gefühl der Überforderung vermittelt der Roman. Eindringlich erzählt er von den Kriegsgräueln des Bosnienkriegs, eines komplexen und bisher wenig aufgearbeiteten Kapitels europäischer Geschichte, dessen Folgen auch hierzulande weiterhin spürbar sind. Über eine Million Flüchtlinge kam allein aus dem heutigen Bosnien-Herzegowina nach Deutschland. Was sie an traumatischen Erlebnissen mitbrachten, ging zugunsten einer schnellen Integration und eines schmerzlosen Neuanfangs oft unter, blieb unaufgearbeitet. Was auch der namenlose Sprayer im Rückblick bemerkt: „In der Unterstufe bin ich neben einem neu eingeschulten Jugo gesessen, der im Malunterricht, wenn es hieß, man soll sein Zuhause zeichnen, anstelle der üblichen Gärten und Häuser Maschinengewehre aufs Papier brachte, und das auffällig genau.“

Robert Prosser, der 1983 geboren wurde, trieb beim Schreiben eine zeitlos relevante Frage an: Wie geht man mit Erfahrungen von Flucht und Krieg um? Einiges in seinem Roman erinnert an Bilder, die im Spätsommer 2015 in den Nachrichten liefen. Der Wiener Westbahnhof, so zeigt sich, war nicht das erste Mal Drehkreuz für Geflüchtete vom Balkan. Bosnische Muslime wurden stigmatisiert, ihre Häuser markiert, sie schließlich in Waggons deportiert, um das Land zu „säubern“. Anisa wird für eine Religion verfolgt, die ihr nichts bedeutet. „Phantome“ erzählt eine Geschichte, die sich wieder und wieder zu wiederholen scheint. Die realen Phantomschmerzen der Kriegserschütterten bekommen auch nachfolgende Generationen zu spüren.

Robert Prosser: Phantome. Roman. Ullstein Verlag, Berlin 2017. 336 Seiten, 20 €.

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