Botticelli-Ausstellung in Berlin : Der Hype um Botticelli ist enttarnt

„The Botticelli Renaissance“ in der Berliner Gemäldegalerie wird garantiert zum Publikumshit. Und das, obwohl die Schau den Maler und seine Nachahmer entzaubert.

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Die Venus von Andy Warhol
So viele haben sie benutzt: Andy Warhols "Details of Renaissance Paintintgs (Sandro Botticelli, Birth of Venus,1482)", 1984Foto: 2015 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Artist Rights Society (ARS), New York

Diese Ausstellung hat das Zeug zum Skandal. Wer sie gesehen hat, dessen Botticelli-Bild ist erschüttert, und der Glaube an die Institution Museum gerät ins Wanken. Die Berliner Gemäldegalerie traut sich was. Das Wahre, Gute, Schöne – hier galt es bislang als gesichert. „The Botticelli Renaissance“, der neue Coup nach der Erfolgsschau „Gesichter der Renaissance“ vor vier Jahren im Bode-Museum, ködert mit sechzig Werken des großen Meisters, mit hundert Anverwandlungen seiner Motive durch spätere Künstler wie Andy Warhol und Cindy Sherman – um am Ende Botticelli als eine der populärsten Figuren der Kunstgeschichte zu demontieren. Zuletzt bleiben gerade zwei gesicherte Werke übrig. Sie tragen die Signatur von Sandro di Mariano, dessen Benennung als Botticelli erst viel später hinzukam und für die Nachwelt zum Markennamen wurde. Eine deprimierende Bilanz.

Ein Aufschrei müsste durch das Publikum gehen, die Leihgeber der vermeintlichen Botticellis müssten ihre Werke zurückverlangen, um sie vor einer solchen Entblößung zu schützen. Nichts von alledem wird geschehen. Dafür ist die Ausstellung zu schön, zu opulent, eine Augenweide noch das Medici-Porträt, bei dem nun sternenklar ist, dass es garantiert nicht von Botticelli stammt.

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Die Werke Venus von Yin Xin (l) und von Andy Warhol in der Berliner Gemäldegalerie.
Botticelli – Seine "Venus" verzaubert die Welt

Aber der Stachel sitzt im Fleisch, die Fragen bleiben: Wie konstituiert sich Bedeutung? Worauf springen wir an und warum? Welche Funktion hat das Museum, wenn es den Wahnsinn auch noch mit befördert? Oder wollen wir lieber doch die große Illusion?

In den Augen der Betrachter ist Botticelli Venus und Primavera

Botticelli eignet sich perfekt für solch brutale Entlarvung, er übersteht das ohnehin. Das Motiv der Venus, der Primavera hat sich längst verselbständigt, von der historischen Figur des Malers abgelöst. Wie desillusioniert die beiden Kuratoren Stefan Weppelmann und Ruben Rebmann sind, zeigt die banale Autofelge eines italienischen Herstellers als erstes Ausstellungsstück in der Rotunde der Gemäldegalerie, die den Namen des Meisters trägt. Steht er nun für Schönheit, Schnelligkeit, Italianità? Egal, er ist ein Verkaufsargument selbst für Fernseher, das Pony von Barbie. Werbung, Design, Mode, alle bedienen sich bei ihm. Lady Gaga trat 2013 in London im „Venus-Dress“ von Dolce & Gabbana auf.

Botticelli-Fan. Zur Premiere ihres Albums "Venus" trug Lady Gaga am 26. Oktober 2013 ein Kleid von Dolce & Gabbana mit Motiven der "Geburt der Venus" von Sandro Botticelli.
Botticelli-Fan. Zur Premiere ihres Albums "Venus" trug Lady Gaga am 26. Oktober 2013 ein Kleid von Dolce & Gabbana mit Motiven der...Foto: UK Press via Getty Images

Hier setzt die Ausstellung an. Ausgehend von der aktuellen Wahrnehmung, der Auseinandersetzung zeitgenössischer Künstler tritt sie rückwärts die Zeitreise an und untersucht in ihrem ersten Kapitel, wie Maler, Bildhauer, Fotografen der Gegenwart auf Botticelli reagieren, dessen Wahrnehmung sich seit seiner Wiederentdeckung im 19. Jahrhundert auf die Ikonen Venus und Primavera reduziert. Die Gemäldegalerie nimmt die Epigonen trotzdem ernst und räumt ihnen den Botticelli-Saal frei. Dort hängen Robert Rauschenberg, die ölig glänzenden Modells von David LaChapelle, die intuitiv wie Botticellis Schönheitsgöttin am Strand posierenden Teenies von Rineke Dijkstra auf grauem Samt, ausgeleuchtet wie sonst die Alten Meister.

Das ist kühn, unterstreicht die Benutzbarkeit des Vorbilds. Die Künstler bedienen sich seiner als Anspielung auf Schönheit und Natürlichkeit, um deren Korrumpierung vorzuführen. Valie Export und Ulrike Rosenbach bekämpfen Rollenklischees, indem sie das gesenkte Haupt, die flatternden Haare, die grazilen Posen in ihren Performances adaptieren. Vik Muniz dienen die Grazien zur Warnung vor Umweltsünden. Er collagiert mit alten Computern, Autositzen, Kabelrollen, Kordeln eine Geburt der Venus aus den Tiefen des Mülls. Alain Jacques lässt die Schönheitsgöttin mit einer Tanksäule verschmelzen, das Shell-Signet passenderweise in Höhe ihres Venushügels.

"Botticelli Renaissance" in der Gemäldegalerie
Ausstellungsvorbereitung zu "The Botticelli Renaissance". Der Tondo "Muttergottes mit Kind und anbetendem Johannesknaben - (Durchmesser 80 cm) und das Bild (rechts) "Christus als Erlöser" (um 1500) aus der Werkstatt von Sandro Botticelli werden von Babette Hartwieg, Leiterin der Restaurierungswerkstatt der Gemäldegalerie in Berlin-Tiergarten im Frühjahr 2015 begutachtet.Weitere Bilder anzeigen
1 von 29Foto: Thilo Rückeis
22.09.2015 18:04Ausstellungsvorbereitung zu "The Botticelli Renaissance". Der Tondo "Muttergottes mit Kind und anbetendem Johannesknaben -...

Liegt es an Botticelli selbst, dass alles dünn bleibt, selbst zum Klischee wird? Die Ausstellung lässt den Betrachter allein mit dem Phänomen, nennt die Ursachen nicht. Eine Erklärung könnte Andy Warhol liefern, dieser Bilderbeschleuniger der Popart. Indem er die ikonischen Qualitäten der Venus übersteigert, entzaubert er auch schon die Mysterien des Sandro di Mariano: Warhol knallt noch mehr mit den Farben, betont härter die Linien, zoomt weiter an die ohnehin monumentale Figur heran. Die Flächigkeit im Gesicht, die Leere in den Augen tritt endgültig zutage. Sie wird zum Pin-up. Davon profitiert auch Ursula Andress als üppiges Bond-Girl, das 1962 im weißen Bikini dem Meer entsteigt. Das Filmstill aus „Dr. No“ ist in den Kanon der Kinogeschichte eingegangen.

Dante Gabriel Rossetti, der Wiederentdecker Botticellis in Großbritannien, würde sich vermutlich im Grab umdrehen, bewunderte er doch gerade die natürliche Reinheit der Grazien. Er hatte 1867 für nur 20 Pfund das Porträt einer Dame („Smeralda Bandinelli“) gekauft und damit eine Renaissance des Künstlers ausgelöst, der in den letzten 200 Jahren vergessen war. Dieser Wiedergeburt widmet sich der zweite Ausstellungsteil und prunkt auch hier mit Leihgaben nicht nur der Präraffaeliten, die sich auf Botticelli als Leitfigur beriefen. Die elegischen Schönheiten von Rossetti, die kühlen Frauenfiguren von William Morris und Edward Burne-Jones, die sinnlichen, blond gelockten Akte von Walter Crane und Evelyn de Morgan wären ohne Botticelli kaum denkbar.

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