"Boy 7" mit David Kross : Du bist eine Nummer

David Kross irrt als „Boy 7“ durch Özgür Yildirims labyrinthischen Science-Fiction-Thriller. Dabei zeichnet der junge Filmemacher nach der Romanvorlage von Mirjam Mous eine gegenwartsnahe Dystopie.

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Sam (David Kross) und Lara (Emilia Schüle) hegen immer größere Zweifel an der Kooperation X.
Sam (David Kross) und Lara (Emilia Schüle) hegen immer größere Zweifel an der Kooperation X.Foto: 2015 Koch Films, Hamster Film, Hands-on Producers

Aufzuwachen und nicht mehr zu wissen, wer man ist, zählt zu den Urängsten des Menschen. Auch das Kino hat Amnesie häufig zum Thema gemacht, in tragischen wie komischen Stoffen. Ob die Erinnerung nach dem heftigen Genuss von Alkohol flöten ging wie in „Hangover“, durch Gewalteinwirkung wie in Aki Kaurismäkis „Mann ohne Vergangenheit“ oder ob das Gedächtnis chronisch defekt ist wie in „Memento“ von Christopher Nolan: Stets ist es dabei aus filmischer Sicht ungemein praktisch, dass das Publikum ähnlich wenig weiß wie der Held.

Auch zu Beginn des Science-Fiction- Thrillers „Boy 7“ sind es gewissermaßen die Zuschauer selbst, die durch einen dunklen U-Bahn-Schacht irren, Treppen ins grelle Licht hinaufwanken und wildfremde Menschen ansprechen. Zumal die Kamera wie ein Ego-Shooter die Perspektive des jungen Mannes ohne Gedächtnis einnimmt. Dieser Samuel Lubota (David Kross) wusste schon einmal sehr viel mehr, nicht nur über sich. So viel, dass man ihm nun nach dem Leben trachtet.

So tappt Sam durch die Gegenwart, vor allem aber seine jüngere Vergangenheit, an die er sich anhand von Aufzeichnungen zu erinnern beginnt. Als der Hobby-Hacker für seinen Schwarm die Abiturnoten im Schulcomputer fälscht und dabei erwischt wird, brummt man ihm ein zweimonatiges Resozialisierungsprogramm auf, im herrschaftlichen Anwesen und mit vordergründig kumpelhaftem Umfeld der „Kooperation X“.

Sam wird misstrauisch

„Talente“ nennt man hier die jungen Straffälligen, die ihr Potenzial künftig positiv nutzen sollen, steckt sie in Uniformen und gibt ihnen Nummern anstelle von Namen. Persönlichkeitstests, Sport und paramilitärische Übungen bestimmen den Alltag. Doch Sam, jener titelgebende Boy 7, wird bald skeptisch angesichts handzahm gemachter Rebellen und anderer dubioser Vorgänge. Sein Misstrauen weckt vor allem der Leiter des Programms, diabolisch verkörpert vom Theatermimen Jens Harzer in einer seiner raren Kinorollen.

Für „Boy 7“ nimmt sich Filmemacher Özgür Yildirim eines Jugendromans der Niederländerin Mirjam Mous an und entwirft seine Dystopie in einem verdächtig gegenwartsnahen Setting. Der 35-Jährige, den Fatih Akin einst zum talentiertesten deutschen Jungregisseur ausrief, hat am Drehbuch mitgeschrieben und den Jargon seiner Heimatstadt Hamburg hineingeholt; überhaupt wirken die Dialoge angemessen frisch, ohne dabei bemüht zu klingen.

Sound bringt mehr Dynamik

Dass sich manches im Plot allzu glücklich fügt, mag der Fabulierfreude der Jugendliteratur geschuldet sein. Dass Yildirim mit den Namen seiner Figuren auf Helden des expressionistischen Kinos anspielt, etwa aus Fritz Langs „Metropolis“ oder Murnaus „Phantom“, geht als wohlfeile Schlaubergerei durch. Filmästhetisch dagegen ist „Boy 7“ zutiefst zeitgemäß und aufregend geraten; die Lust am Genrekino ist unübersehbar.

Schon für Yildirims erste Kinofilme, die Buddy-Movies „Chiko“ und „Blutzbrüdaz“, hatte der Kameramann Matthias Bolliger Bilder geliefert und auch dort mit dem sogenannten dutch angle gearbeitet. Nun setzt er die gekippte Kameraperspektive samt schiefem Bildausschnitt erneut ein, Verfolgungsjagden bekommen so in der Auflösung der Raumkoordinaten eine bezwingend verwirrende Qualität. Zusammen mit dem treibenden elektronischen Score und dem zackigen Sounddesign führt dieses Stilmittel dazu, dass die böse erfundene Welt von „Boy 7“ gegenüber der Buchvorlage kräftig an Dynamik gewinnt.

In neun Berliner Kinos

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