Briefe von Marcel Proust : Vor dem Leben kommt das Schreiben

Gegen die Macht des Vergessens: Erstmals erscheinen viele hundert Briefe von Marcel Proust auf Deutsch.

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Erinnerungskünstler. Der französische Schriftsteller Marcel Proust (1871 – 1922), hier auf einem Foto von 1896.
Erinnerungskünstler. Der französische Schriftsteller Marcel Proust (1871 – 1922), hier auf einem Foto von 1896.Foto: Ullstein-Bild

In den ersten Novembertagen des Jahres 1913, die Veröffentlichung des ersten Bandes seiner „Recherche“, der „Suche nach der verlorenen Zeit“, steht unmittelbar bevor, bittet Marcel Proust seinen Freund René Blum um eine kleine „literarische Indiskretion“, wie er es nennt: ein paar Worte über ihn als Autor in Blums Zeitschrift „Gil Blas“. René Blum hatte für Proust schon den Kontakt zu seinem ersten Verleger Bernard Grasset hergestellt, und Proust erklärt ihm nun brieflich seine Titelvorstellungen und den großen, bis dato auf drei Teile angelegten Entwurf mit „Die wiedergefundene Zeit“ als Schlussband.

Das „Beste meines Denkens“ und „sogar mein Leben“ habe er in das Buch gesteckt, so Proust in dem Brief an Blum, ein „äußerst wirklichkeitsnahes Buch“ sei es geworden, „ein Blütenstängel von Erinnerungen“, unter anderem bestehend „aus den Empfindungen beim Aufwachen, wenn man nicht weiß, wo man ist, und sich fühlt wie vor zwei Jahren in einem anderen Land“. Auch die Madeleine erwähnt er, und warum Swann seine Odette so arglos Monsieur Charlus anvertraut, oder die Unterscheidung von willkürlicher und unwillkürlicher Erinnerung, Letztere ist für ihn die einzig wahre. Bei der Lektüre dieses Briefs ist es fast so, als entfalte sich die gesamte „Recherche“ vor dem geistigen Auge. Als seien die über 300 Briefe davor nur der Aufgalopp, um zum Wesentlichen zu gelangen: dem wirklichen Leben, das aus nichts anderem als Schreiben besteht, aus Literatur.

Das stimmt freilich nur in sehr groben Zügen, weil man viele Schriften Prousts aus der Zeit vor der „Recherche“ als Vorstudien zu dieser bezeichnen kann: sein erstes, 1896 veröffentlichtes Buch „Tage und Freuden“, den Roman „Jean Santeuil“, den er 1899 liegen ließ, oder den 1908 begonnenen, wie „Jean Santeuil“ erst nach seinem Tod erschienenen Romanessay „Gegen Saint-Beuve“. Zudem stellt die nun vorliegende, vorbildlich editierte und kommentierte, bislang mit zwei Bänden und 572 Exemplaren größte in deutscher Übersetzung veröffentlichte Ausgabe mit Proust-Briefen nur einen sehr kleinen Teil der Korrespondenz des 1922 verstorbenen französischen Schriftstellers dar. Marcel Proust war ein manischer Briefschreiber. 1920 klagte er, kurz nach der Auszeichnung mit dem Prix Goncourt, dass er „mit 800 Briefen im Rückstand“ sei. Sein amerikanischer Briefherausgeber Philip Kolb meinte einmal, überhaupt nur ein Zwanzigstel von Prousts Briefen studiert zu haben; Kolb konnte rund 4500 versammeln, arbeitete über zwanzig Jahre an einer 21-bändigen Edition und starb 1992, ein Jahr vor deren Veröffentlichung in Frankreich.

Weiterhin tauchen neue Briefe auf. Das zwingt zu Auswahl und Verdichtung.

Kolbs Einschätzung mag übertrieben sein. Doch tauchen weiterhin neue Briefe bei Auktionen, Autographenhändlern, Erben oder Nachlassverwaltern auf. Was zumal in einer deutschen Ausgabe naturgemäß zur Verdichtung zwingt, zu einer repräsentativen Auswahl, die der Literaturwissenschaftler und Übersetzer Jürgen Ritte jetzt für den Suhrkamp Verlag vorgenommen hat. Sie beginnt mit ein paar Zeilen, die der kleine, 1871 geborene Marcel im Alter von sieben Jahren an seinen Großvater schreibt. Darin entschuldigt er sich dafür, zu wenig gegessen und deshalb danach viel geweint zu haben. Und sie endet 1922, knapp drei Wochen vor seinem Tod am 18. November, mit einem Brief an Jacques Rivière, der die Bedeutung von Prousts Büchern früh erkannte und als Redaktionsleiter der Literaturzeitschrift „Nouvelle Revue Française“ regelmäßig Auszüge veröffentlichen ließ. Allerdings erst nachdem sein Kollege André Gide 1912 das Manuskript von „Unterwegs zu Swann“ abgelehnt hatte. In diesem allerletzten Brief klagt Proust über seine schwindenden Kräfte, seinen „leicht delirierendem Zustand“ und die „finsteren Tage“, die er durchlebe.

Sätze und Einschübe über körperliche Befindlichkeiten finden sich in den meisten Briefen insbesondere der letzten Jahre, in denen Proust oft das Bett hütet, von Asthmaanfällen geplagt. „Seit fünfzehn Jahren lebe ich liegend. Will heißen ganz und gar liegend“, berichtet er 1919 einmal. Dafür schreibt er stetig. Ein Vorhang schützt sein Schlafzimmer vor Zugluft, aus Lärmschutzgründen ist es mit Korktapete ausstaffiert, und häufig wird es durchweht von dichtem Rauch, der ihm das Atmen erleichtern soll.

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