Kultur : Briefeschreiber

Zum Tod von Herbert Rosendorfer.

von
Foto: Verlag
Foto: Verlag

Es ist nicht einfach, dem am Donnerstag mit 78 Jahren verstorbenen Herbert Rosendorfer seinen Platz in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zuzuordnen. Gern hieß es, der gebürtige Südtiroler sei ein Unterhaltungsschriftsteller, den könne man nicht ernst nehmen; andere, ihm Wohlgesonnere sprachen davon, dass den in München und zuletzt in Naumburg tätigen Richter eine große, in der Erzähltradition der deutschen Romantik stehende Fabulierlust auszeichne.

Kurz: Er war ein Publikumsschriftsteller, der von Teilen der Kritik gern ignoriert wurde, da mochte noch so viel literarischer Witz in seinen Geschichten stecken, da konnten diese noch so vertrackt aufgebaut sein, etwa sein Debütroman „Der Ruinenbaumeister“ (1969) oder das Ende der 70er Jahre veröffentlichte „Messingherz “: Einen gewitzteren, lustigeren Behörden- und Berlin-Roman oder genauer: Neukölln-Roman, konnte man zu der Zeit nicht lesen.

Sein bekanntestes Buch aber ist „Briefe in die chinesische Vergangenheit“ (1983). In diesem anrührenden, komischen, intelligenten Roman kommt der Held, der aus dem China des 10. Jahrhundert stammende Mandarin Kao-tai, ins München des 20.Jahrhunderts, um zu erkennen, dass der Fortschritt nur eine Chimäre ist: „Die Welt wandelt sich. Sie nennen es hier Fort-Schritt. (...) Wohin schreiten sie? Ich habe den Verdacht, sie wissen es nicht. Jedenfalls scheint es mir, sie schreiten fort von sich selber.“ Mit der Fortsetzung „Die große Umwendung“ versuchte sich Rosendorfer später am deutschen Wenderoman. Immer unüberschaubarer wurde zuletzt sein Werk aus musikalisch-literarischen und wissenschaftlichen Ausflügen, Reisebüchern, grotesken Erzählungen, Theaterstücken und Romanen. Der Erzählband „Die Kaktusfrau“, der Anfang Oktober bei Kiepenheuer & Witsch erscheint, wird nun sein Vermächtnis sein. Gerrit Bartels

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben