Kultur : Brüssel ist das „Opernhaus des Jahres“

Zum ersten Mal kommt das „Opernhaus des Jahres“, das die Fachzeitschrift „Opernwelt“ bei ihrer jährlichen Kritiker-Umfrage ermittelt, nicht aus dem deutschsprachigen Raum. Das seit 2007 von Peter de Caluwe geleitete Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel hat sich den Ehrentitel gesichert. In der belgischen Hauptstadt gelang dem Dirigenten Marc Minkowski und dem Regisseur Olivier Py zudem mit ihrer Deutung von Giacomo Meyerbeers „Les Huguenots“ die „Aufführung des Jahres“.

Mag die Auszeichnung für die Außendarstellung der Opernhäuser auch äußerst hilfreich sein - es handelt sich hier nicht um eine Mehrheitsmeinung der Kritiker. Schaut man sich die Voten der 50 befragten Rezensenten aus allen Regionen Deutschlands, aus Österreich, der Schweiz, Großbritannien, den USA und Russland im Detail an, stellt man fest, dass den Brüsselern gerade einmal neun Voten zum Titelgewinn reichten. Die Oper Frankfurt kommt als Zweitplatzierte auf acht Nennungen. Weil zudem das „Orchester des Jahres“ sowie der „Sänger des Jahres“ – nämlich der Bariton Johannes Martin Kränzle – aus Frankfurt kommen, ist eigentlich das hessische Musiktheaterhaus die Siegerin des Rankings.

Die Berliner Opernszene, die viele Jahre lang vor allem in der „Opernwelt“- Rubrik „Ärgernis des Jahres“ zu finden war, schneidet diesmal mit vielen Nennungen in allen Kategorien ziemlich gut ab. Erfreulich oft wird auch das Theater Dessau genannt, das unter Chefdirigent Anthony Hermus und Regisseurin Andrea Moses einen Qualitätssprung gemacht hat. „Regisseur des Jahres“ ist ein Altmeister: Achim Freyer. Mit größtmöglicher Einigkeit wurde Mariss Jansons für seinen Amsterdamer „Eugen Onegin“ zum „Dirigenten des Jahres“ gewählt. „Nachwuchssängerin des Jahres“ ist die 21-jährige Russin Julia Lezhneva, für seine Bayreuther „Lohengrin“-Ratten wurde Reinhard von Thannen zum „Kostümbildner des Jahres“.

Weil die großen internationalen Festivals besonders viele Kritiker anziehen, ist deren Einsatz für neue oder vergessene Werke im Idealfall auch besonders folgenreich: wie bei Wolfgang Rihms „Dionysos“ bei den Salzburger Festspielen und Mieczyslaw Weinbergs jahrzehntelang vergessener Holocaust-Oper „Die Passagierin“ in Bregenz, die sich in den Kategorien „Uraufführung“ respektive „Wiederentdeckung“ durchsetzen konnten. „Dionysos“ wird im Juli 2012 übrigens auch an der Berliner Staatsoper zu sehen sein.

An der „Opernwelt“-Umfrage zeigt sich jedes Jahrs aufs Neue, wie subjektiv Kritiker-Meinungen sind: Peter Konwitschnys Grazer „Traviata“-Inszenierung taucht sowohl in der Rubrik „Aufführung des Jahres“ wie auch als „Ärgernis des Jahres“ auf, ebenso wie Hermann Nitschs Münchner „Saint François“, Christoph Loys Frankfurter „Fledermaus“ oder Stockhausens „Sonntag“ in Köln. F. H.

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