Kultur : Brunos Bruder

Die Akademie der Künste erinnert an den Architekten Max Taut

Bernhard Schulz

„Nach dem Krieg belebte sich das Interesse an den Brüdern nur allmählich. Vor allem das Bild des im Nachkriegs-Berlin wirkenden Max Taut gewann nicht mehr jene frühere Frische – trotz seiner konzentrierten Aufbaubemühungen, trotz seines pädagogischen Engagements als Gründer einer neuen Architekturschule“, schreibt Annette Menting. Die Brüder – das waren Bruno und Max Taut. Freilich: „Fiel der Name Taut, war der charismatische Vordenker Bruno gemeint.“

Die Architekturhistorikerin beschreibt ein Versäumnis. Bruno Taut (1880-1938) ist als Schöpfer der Hufeisensiedlung gefeiert worden; der jüngere Max (1884-1967) geriet aus dem Blick. Ausstellungen der Akademie der Künste, deren Baukunst-Abteilung er seit 1955 vorstand, gaben Rechenschaft zum 80. und 100. Geburtstag, doch eine weitergehende Beschäftigung mit seinem Werk, eine Gesamtdarstellung gar blieben aus. Diese hat Annette Menting jetzt geliefert. Die Kenntnis der Baugeschichte Berlins des 20. Jahrhunderts wird damit erheblich dichter.

Das Buchdruckerhaus zum Beispiel fällt heute kaum noch auf. Zur Zeit seiner Entstehung 1926 jedoch wirkte das typisch „Kreuzberger“ Ensemble aus straßenseitigem Wohn- und hofseitigem Gewerbebau wie eine Offenbarung. Das Gebäude der Reichsknappschaft am Breitenbachplatz (1930) kommt in gedämpfter Monumentalität daher und birgt eine geschwungene Treppe von Mendelsohnscher Eleganz. Das Warenhaus der Konsumgenossenschaft am Kreuzberger Oranienplatz, 1932 fertiggestellt, ist der vielleicht avancierteste Bau Max Tauts, kompromisslos modern in Konstruktion und Gestaltung. Die Nazis schimpften, es solle „im Sinne der Berliner Genossen den aufreizenden Moskauer Baucharakter erhalten.“

Nach der NS-Zeit, die er als unbestechlicher Regimegegner überstand, wurde Max Taut 1945 zu einer zentralen Figur des Berliner Baugeschehens, als Karl Hofer ihm die Organisation der Architekturausbildung an der Hochschule für bildende Künste übertrug. In Berlin ergab sich 1953 die Gelegenheit, im Abstand von einem Vierteljahrhundert an das Buchdruckerhaus anzubauen. Tauts neue Wohnbauten konnten verschiedener nicht ausfallen: Zeilenbau und Hochhaus – die Auflösung der Blockrandbebauung, stattdessen Balkons und „Durchgrünung“.

Es ist eine beeindruckende Monografie, die Annette Menting dem Architekten gewidmet hat. Aus ihrer Bewunderung macht sie keinen Hehl; leider vermeidet sie eine kritische Gesamtwürdigung. Das könnte nachgeholt werden, wenn die Akademie der Künste am heutigen Freitag zur Diskussion des Buches lädt – unter Leitung von Jonas Geist, auf dessen Anstoß hin es als Habilitationsschrift an der heutigen Universität der Künste, Max Tauts einstiger Wirkungsstätte, entstanden ist. Es ist hoffentlich auch ein Anstoß für die Abteilung Baukunst, sich sichtbar mit ihrem Fachgebiet zu beschäftigen – und mit denjenigen seiner Vertreter, denen sie ihren einstigen Ruf verdankt.

Annette Menting: Max Taut. Das Gesamtwerk. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2003. 376 S., geb.168 €. – Buchvorstsellung heute 18 Uhr, Akademie der Künste, Hanseatenweg 10 . Eintritt frei.

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