Kultur : Bruttosozialglück

Alexander Dill und Annette Jensen plädieren für eine Stärkung der Gemeinschaft.

Helmut Lölhöffel

Humankapital“, dieses die arbeitenden Menschen entwürdigende Konstrukt, war das „Unwort des Jahres“ 2005. Erheblichen Wertverlust hatte mittlerweile auch der Begriff „Finanzkapital“, weil er für das Versagen des Spekulationssystems steht. Ein Kontrapunkt ist das „Sozialkapital“, definiert als die Summe der nicht in Geld messbaren Werte, der nicht materiellen Reichtümer von Gemeinschaften. Es ist, wie Alexander Dill schreibt, „eine Kapitalform, deren Name wie ein Selbstwiderspruch klingt“, aber ein „ökonomischer Erfolgsfaktor“ ist.

Wer solche Gedanken an die Öffentlichkeit bringt, muss damit rechnen, als realitätsferner Idealist belächelt zu werden. Allerdings weiß Dill, wovon er in seinem Buch „Gemeinsam sind wir reich“ spricht, wenn er das Verschwinden der Gemeinschaft aus dem öffentlichen Raum beklagt. Alexander Dill (geboren 1959) erlebte im oberbayerischen Rupertigau, wie ein Bauerndorf mit dem „Strukturwandel“ seinen Charakter verlor. Ein Gegenbeispiel fand er in Bollschweil im badischen Breisgau. Nachdem das Dorfwirtshaus geschlossen war, stemmte sich der Bürgermeister gegen die „Strukturwandel“ genannte Fehlentwicklung und gründete mit 200 der 2000 Bewohner ein genossenschaftliches Gasthaus, das jetzt „die Seele der Gemeinde“ ist. In einem Kapitel über Berlin („Arm, aber freundlich“) wird die Gegend hinter der Charlottenburger Schlossstraße, wo Dill einige Zeit lebte, ziemlich düster geschildert. Er rät der Stadt, „ihre Kieze zu pflegen“.

Der Philosoph und Soziologe, Gründer und Vorstand des alternativen Basel Institute of Commons und Economics, führt vor, dass die Idee des Sozialen Kapitals nicht nur in Bollschweil funktioniere, sondern auch in Slowenien, das sich nach dem Balkan-Zusammenbruch gemeinschaftlich aufgerappelt habe, in Norwegen, wo eine harmonische Gesellschaft aktiver Bürger existiere, in Basel, wo drei Stiftungen die Stadt human gestalten wollen, in New York, wo nach Dills Ansicht „lokale Netzwerke“ verschiedener Ethnien sich selbst stärken, sowie bei den Benediktinern in den Klöstern St. Alban und St. Ottilien, wo bewiesen werde, dass „die Gemeinschaft der Gläubigen … das größte Sozialkapital der Welt birgt“.

Der Grundgedanke des nicht missionarischen, sondern nachdenkenswerten Buchs ist: Nicht als Wirtschaftsmacht mit unbezahlbaren Infrastrukturprojekten, sondern mit dem Wiederaufleben von Vertrauen, Schenkwilligkeit, Freundlichkeit, Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft schöpfe ein Staat seinen immateriellen Gemeinschaftsreichtum aus. Das Durchleben einer Finanzkrise könne ein hilfreicher Anstoß sein, auch wenn die Folgen des Rückbaus der Finanzwirtschaft unbequem wären: statt Schuldenwachstum geschmälerter Wohlstand und Knappheit. Dill spricht es offen an und fragt: „Kann sich ein bankrottes Land durch die Besinnung auf Sprache und Kultur neu definieren? Den Griechen, Iren und Portugiesen, auch Briten, Amerikanern, Österreichern und Deutschen wäre das zu wünschen.“

Aus so einer Verantwortungsgesellschaft ohne Wachstumsdiktat werde, so stellt die Umweltwirtschaftsjournalistin Annette Jensen (geboren 1962) in Aussicht, das „Bruttosozialglück“ entstehen. Im nordhessischen Arenborn hat sie einen Artenschützer, den „Hüter der Kerbelrübe“, gefunden und im schwäbischen Gammesfeld das kundennahe Geschäftsmodell der Raiffeisenbank untersucht, das die Finanzmarktkrise bisher ohne Blessuren überstand. Auch sie hat sich in Berlin umgesehen, in der Kreuzberger Open Design City, einer kreativen Gemeinschaftswerkstatt für einfache Produktionsweisen und unkonventionelle Lösungen. Ohne eifernde Ideologie stellt sie ähnlich wie Dill eine überall sprießende regionale, kooperative, kleinteilige Wirtschaft ohne Fixierung auf maximale Gewinne vor. „Damit könnten im Arbeits- und Geschäftsleben wieder Werte eine Chance bekommen.“

Alexander Dill: Gemeinsam sind wir reich. Wie Gemeinschaften ohne Geld Werte schaffen. oekom verlag, München 2012. 204 Seiten, 14,95 Euro.

Annette Jensen: Bruttosozialglück. Von Menschen, die anders wirtschaften und besser leben. Verlag Herder, Freiburg 2011. 238 Seiten, 16,95 Euro.

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