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Buch der Woche : Der letzte Seher

28.10.2012 00:00 Uhrvon
Unterwegs nach Pitcairn. Ransmayr schreibt auch über die Bounty-Meuterei (hier ein Gemälde von Robert Dodd, 1790). Abb.: cinetextBild vergrößern
Unterwegs nach Pitcairn. Ransmayr schreibt auch über die Bounty-Meuterei (hier ein Gemälde von Robert Dodd, 1790). Abb.: cinetext - Foto: Cinetext Bildarchiv

Mitreißend und anrührend, zudem sein vielleicht zurückgenommenstes Buch: Christoph Ransmayrs „Atlas eines ängstlichen Mannes“.

Da ist der Junge, Sohn eines Gärtners in der irischen Grafschaft Cork. Einen Schneemann hatte er gebaut, als zum ersten Mal seit Jahren Schnee gefallen war, und ihn in die Tiefkühltruhe gelegt, um ihn aufzubewahren. Nach einem heftigen Sturm war die Stromversorgung unterbrochen worden. Nun steht der weinende Junge auf der Treppe des Hauses, einen unförmigen Brocken in den Händen, die Reste seines ganzen Stolzes. „Über die windbewegten Blüten hinweg betrachtet, sah der Kleine auf der Treppe aus wie ein kindlicher Atlas, der eine seltsam winterliche Weltkugel gegen den Himmel stemmte.“

Das ist eine Geschichte im neuen Buch des in Oberösterreich geborenen, in Irland lebenden Christoph Ransmayr.

Ein Schriftsteller, der die ganze Welt gesehen und in sich aufgenommen und beschrieben hat, die entlegensten Inseln, die höchsten Berge, die bizarrsten Städte. Ransmayr ist ein Star, und dieses großartige Buch stellt eindrucksvoll unter Beweis, dass es dafür gute Gründe gibt. 70 Episoden sind in „Atlas eines ängstlichen Mannes“ gesammelt; die kürzeste davon umfasst drei, die längste, in der anlässlich einer Umrundung der südpazifischen Insel Pitcairn en passant die realen Hintergründe der Meuterei auf der „Bounty“ mitgeliefert werden, 18 Seiten. Ausschließlich, so schreibt Ransmayr im Vorwort, sei hier „von Orten die Rede, an denen ich gelebt, die ich bereist oder durchwandert habe, und ausschließlich von Menschen, denen ich begegnet bin“.

Das Dokumentarische und das Fiktionale bedingen einander: Ohne die beglaubigte Sicherheit des Erlebten wäre so manche dieser kurzen Geschichten leicht mit dem Wort „abstrus“ abzufertigen; ohne das Literarische allerdings, das in Ransmayrs Sprach- und Gedankenwelt steckt, würde das poetologische und stilistische Bindeglied fehlen. Derjenige, der hier die Welt stemmt, ist die Erzählinstanz selbst. Dass der Erzähler überhaupt dorthin kommt, wo er ist, spricht für seinen Mut. Das bedeutet noch lange nicht, dass der Erzähler psychisch stark wäre. Alles hier ist fragil, alles ist gefährdet. Was Ransmayr in diesem Buch anpeilt, ist nicht weniger als die Rettung der Welt und ihrer Ereignishaftigkeit (und eines Ichs noch dazu) im Vorgang des Erzählens, des Aufschreibens.

Das ist bei diesem Autor nichts Neues. Wer seine früheren Bücher kennt, weiß, dass Ransmayr stets auf schmalem Grat balanciert; auf einem Terrain, in dem die Begriffe Pathos und Deklamation ebenso wenig fern sind, wie es die Kategorie des Erhabenen ist. Ransmayrs Roman „Der fliegende Berg“ aus dem Jahr 2006 war sogar komplett in Versen gehalten. Auch der „Atlas“ hat (neben einer ökologischen) vor allem eine religiöse Dimension, die sich sowohl in der Motivsprache, vor allem aber im Grundkonzept der Geschichten niederschlägt. Jede einzelne nämlich beginnt mit den Worten „Ich sah ...“. Die offenkundige Analogie zur Offenbarung des Johannes ist nicht rein strukturell; die Zerstörung, die Grausamkeit, der Tod und der Verfall sind präsent, wohin auch immer der Erzähler kommt. Und zumeist haben sie einen menschlichen Ursprung.

So weit weg uns all diese Orte auch vorkommen mögen, so wenig weltabgewandt ist das, was Ransmayr von dort mitbringt. In Bolivien beispielsweise werden der Erzähler und seine Begleiter Ziel eines Flugzeugangriffs der Truppen des soeben durch einen blutigen Putsch an die Macht gekommenen Generals García Meza. In Laos wird der Reisende mit den Hinterlassenschaften des Vietnamkrieges konfrontiert, „Bomben. Phosphorbomben, Sprengbomben, Streubomben“; ein Krieg, der, wie die Einheimischen sagen, ebenso gut „Laos-Krieg“ hätte heißen können, weil mehr Bomben auf das neutrale Land gefallen seien als auf Deutschland im Zweiten Weltkrieg, und das nur, um die Nachschubwege des Vietcong unbrauchbar zu machen. Anhand mancher Details lässt sich der Zeitrahmen hin und wieder genau bestimmen; die einzelnen Geschichten bleiben allerdings insgesamt von zeitlosem Wert. Und auch, man muss es so sagen, von zeitloser Schönheit.

Die Schönheit des Augenblicks setzt Ransmayr immer wieder gegen die historischen Abgründe. Oft sind es geradezu Erweckungsmomente, profane Epiphanien, die den Geschichten einen Höhe- oder Wendepunkt geben.Der Erzählraum ist nach allen Seiten hin offen, auch zu den Sternen, deren Beobachtung in mehreren der Miniaturen eine Rolle spielt. Die Verwandlung (nicht ohne Grund setzte sich Ransmayrs Erfolgsroman „Die letzte Welt“ mit Ovids „Metamorphosen“ auseinander) ist, wenn kein heiliger, so doch ein magischer Akt. Auch hier schimmert immer wieder das quasi theologische Konstrukt, der Gedanke von der Erlösung durch Worte, durch den Text durch. Das Beeindruckende am „Atlas eines ängstlichen Mannes“: Nie und an keiner einzigen Stelle hat das etwas Peinliches, Pompöses, Selbsterhebendes. Im Gegenteil – vielleicht ist es in technischer und stilistischer Hinsicht sogar Ransmayrs bislang zurückgenommenstes Buch. Trotzdem – oder deswegen – entfaltet es seine Sogwirkung. Der „Atlas“ ist nämlich vor allem ein mitreißendes, packendes Buch. Und ein nicht selten anrührendes noch dazu, besonders dann, wenn Tiere ins Spiel kommen.

Eines der Glanzstücke ist die Beschreibung eines Stierkampfes in Sevilla, in dessen Verlauf der Stier sich als kampfmüde, ja geradezu melancholisch entpuppt. Trotz eines einzelnen Rufes aus dem Publikum wird ihm jedoch keine Gnade gewährt. In einer anderen, in Brasilien angesiedelten Episode, wird eine mächtige Anakonda, „Rainha da Selva“, Königin der Wildnis, mit voller Absicht von einem Lkw-Fahrer überfahren. Äußerlich unbeschädigt, kriecht sie ins Dickicht, um zu sterben, denn die gebrochenen Wirbel werden ihr das Überleben unmöglich machen. Christoph Ransmayr erzählt von Menschen und Glückssuchern; von Tieren, die ein Eigenleben in Unabhängigkeit und Würde führen; und auch von der Entzauberung vermeintlicher Paradiese.

In erster Linie aber ist der „Atlas“ ein Buch über das Schreiben und über die Einsamkeit, das Inseldasein des Schreibenden. „Kalligraphen“, so heißt eine Erzählung. Sie beginnt so: „Ich sah flache Steininseln im spiegelglatten Wasser des Kumming-Sees im Nordwesten von Peking.“ Dort, auf den Inseln, sitzen Männer, die mit von Wasser vollgesogenen Schwämmen Schriftzeichen aus Büchern auf die Steine übertragen. Die Schrift verdampft in der Sonne, wird immer wieder aufs Neue mit neuer Bedeutung überschrieben; ein Akt der Vergeblichkeit; mit dem Resultat eines „mit Schriftzeichen beladenen Floß aus Stein“. Doch für einen kurzen Augenblick steht das Geschriebene dort, hat seinen Wert.

Man stellt sich Christoph Ransmayr als einen solchen Menschen vor; einen, der die Welt erhält, indem er sie immer wieder neu und im Wortsinne beschreibt.

Christoph Ransmayr: Atlas eines ängstlichen Mannes. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2012. 456 Seiten, 24,99 €.

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