Buch "Kriegssplitter" von Herfried Münkler : Front ohne Helden

Zerfließende Grenzen: Herfried Münkler erklärt in seinem neuen Buch „Kriegssplitter“, wie Konflikte im 21. Jahrhundert verlaufen.

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Die syrische Stadt Kobane nach einem Luftangriff im Oktober 2014.
Die syrische Stadt Kobane nach einem Luftangriff im Oktober 2014.Foto: REUTERS

Für Frankreichs Präsident François Hollande war sofort nach den Pariser Anschlägen klar: „Frankreich befindet sich im Krieg“ – so wie auch der damalige US-Präsident George W. Bush als Reaktion auf 9/11 den „War on terror“ ausrief. Doch wieviel Krieg steckt wirklich in diesen Kriegen? Was sind das eigentlich für Kriege, die die USA seit 2001 und Frankreich seit ein paar Tagen führen? Seit Donnerstag auch mit der Beteiligung Deutschlands, weil die Bundesregierung überzeugt ist, dass man dem IS nur militärisch beikommen kann, um dann aber doch wie Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen zu erklären: „Das ist kein Krieg, weil wir keinen Staat bekämpfen, sondern eine Mörderbande.“

Auch der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler, spätestens seit seinem Buch „Die neuen Kriege“ (2002) allseits anerkannter Theoretiker des Krieges und seit der Veröffentlichung seines Ersten-Weltkrieges-Buches „Der große Krieg“ 2013 auch Bestseller-Autor, geht vorsichtig mit der Kriegsvokabel um. Er würde von Krieg, so hat er es vor kurzem gesagt, höchstens in Anführungszeichen sprechen und sehe die Welt nach Paris, insbesondere die westliche natürlich, gerade in einer Situation irgendwo zwischen Krieg und Frieden.

Warum, das erklärt Münkler präziser in seinem neuen Buch „Kriegssplitter. Die Evolution der Gewalt im 20. und 21. Jahrhundert“. Darin prägt er insbesondere den Begriff vom „hybriden Krieg“. Als solchen müsse man viele der aktuellen Konflikte bezeichnen, da sie sich dem seit Ewigkeiten bekannten binären Ordnungssystem von Krieg oder Frieden, Krieg zwischen zwei oder mehreren Staaten oder Bürgerkrieg, Kombattanten oder Nonkombattanten entziehen. Die Grenzen sind da fließend geworden, die Kriege eben hybrid: in der Ostukraine, wo sich die Ukraine als Staat und von Russland unterstützte Separatisten gegenüberstehen (und Russland gleichermaßen Akteur – und als solcher von der EU mit Wirtschaftssanktionen „bekriegt“ wird – wie Friedensvermittler ist). Oder eben in dem Krieg, den der IS und nun die USA und mancher Staat in Europa und im Nahen und Mittleren Osten gegen diesen führt. Oder, um ein nicht mehr ganz so aktuelles (oder eben ewig aktuelles) Beispiel zu nennen: in Somalia.

Der Krieg ist ein anderer geworden, er hat seine Gestalt gewandelt

Verschwunden sei der Krieg nie gewesen, so Münkler, gerade auch nicht in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, die für Europa, Kalter Krieg hin oder her, eine relative Friedensphase gewesen ist. Nein, der Krieg ist ein anderer geworden, hat seine Gestalt gewandelt. Von dieser These ausgehend wendet sich Münkler in seinem Buch zunächst noch einmal den beiden großen Kriegen des 20. Jahrhunderts und ihren Ursachen und Besonderheiten zu, um vor dem Hintergrund des Alten, Vergangenen, Historischen die Metamorphosen des Krieges in den vergangenen Jahrzehnten darzustellen. Eine davon ist die Hinwendung von der symmetrischen zur asymmetrischen Kriegsführung, die für Münkler inzwischen der „Normalzustand des Krieges“ ist, auf Seiten der Terroristen etwa genauso wie auf denen der ihnen militärisch total überlegenen USA oder Europa: hier der Selbstmordattentäter, dort die Drohnen.

Eine andere Metamorphose stellt die zunehmende „Verflüssigung“ von Krieg dar, weil es inzwischen weniger um Raum und Land geht, sondern um die Beherrschung der Ströme von Menschen und Waren, von Kapital und Informationen. Und schließlich sind da noch das Entstehen und die Problematik so genannter postheroischer Gesellschaften, als welche Münkler unsere primär pazifistisch orientierten Wohlstandsgesellschaften bezeichnet. Die postheroische Gesellschaft ist nicht mehr bereit, anders als die einst heroische, Opfer zu bringen, nicht aus religiösen Gründen, nicht für sonst eine höhere Sache. Jeder einzelne, von einer so genannten Friedensmission in einem Leichensack heimkehrende tote Soldat löst hierzulande eine Debatte über Sinn oder Unsinn dieser Friedensmission aus. Weshalb die Anti-IS-Koalition weiterhin von Bodentruppen in Syrien absieht und versucht, „minimal-invasiv“ zu handeln, sogenannte chirurgische Präzision walten zu lassen, in Form von Luftangriffen. Und weshalb die USA sich kaum noch als „Weltpolizei“ verstehen und der Einsatz von Drohnen als der Idealtypus kriegerischer Mittel in postheroischen Gesellschaften gilt.

„Als Zielgerade der fortschrittlichen Entwicklung“ verstehen sich die postheroischen Gesellschaften deshalb, keinesfalls als „dekadent“, analysiert Münkler, konstatiert im Subtext aber eine gefährliche Selbstzufriedenheit: „Wenn sie notwendige Reformen thematisieren, dann in einer Metaphorik, die Veränderungen auf das Drehen an Stellschrauben begrenzt: Die Verhältnisse sind grundsätzlich in Ordnung; sie müssen nur gelegentlich etwas nachjustiert werden.“

Postheroische Gesellschaften leben in einer gefährlichen Selbstzufriedenheit

Es ist nun allein schon ein Verdienst Münklers, unsere Wellness-Gesellschaft analytisch damit zu konfrontieren, dass es nie aufgehört hat mit den Kriegen, der Frieden womöglich oft eine Illusion ist – und wer setzt sich hierzulande schon gern mit dem Krieg und dem Führen von Krieg auseinander?

Manchmal bleibt der Berliner HU-Professor in seinem Buch etwas vage, da orakelt er, dass dem terroristischen „Enthusiasmus der Gewaltsamkeit“ nicht allein mit Geld und der Bekämpfung von Armut und Elend begegnet werden könne. Oder er schlägt zur Terrorbekämpfung die „Ausdifferenzierung heroischer Gemeinschaften“ vor (das aber mit Geld, in Form von „Private Military Companies“, die auf den internationalen Märkten eingekauft werden) und die Beibehaltung eines „Restheroismus, der sie Terroranschläge überstehen lässt.“

Im Vergleich dazu sind die geopolitischen Erörterungen in „Kriegssplitter“ produktiver, unbequemer. Münkler appelliert, das geopolitische Denken wieder mehr zu üben, in Europa und in Deutschland sowieso. Dieses solle aber nie als „Handlungsimperativ“ verstanden werden, sondern um besser auf neoimperiale Gelüste bestimmter Staaten besser reagieren zu können, zum Beispiel von Russland. Und um, das sieht er vor allem als Aufgabe Deutschlands, der Ausfransung an den Rändern der EU, dem Wegdriften an den Südgrenzen besser begegnen zu können. „Kohäsion“ schlägt Münkler als neuen „geopolitischen Leitbegriff“ vor, um abschließend zu resümieren, dass auf der semantischen Ebene zwei Begriffe von Krieg existent bleiben: „einer, in dem Krieg das Gegenteil von Frieden ist, und einer, bei dem Krieg permanent in die Sicherung des Friedens verwoben ist.“

Vieles von dem, was Münkler in seinem Buch verhandelt, ist nicht neu. Bisweilen hat man den Eindruck, er hat hier einiges aus seinen Büchern „Die neuen Kriege“, „Der Wandel des Krieges“ oder auch „Der große Krieg“ gesamplet und auf den neuesten Stand im Hinblick auf die Ukraine und den IS gebracht. Manchmal wird auch der eine oder andere Begriff etwas zu häufig erklärt und strapaziert – oder oft erst kommentarlos verwandt und viel später erklärend ausdifferenziert. All das vermittelt den Eindruck eines schnell zusammengestellten Buches, das Münklers Verlag primär aus Aktualitätsgründen in Auftrag gegeben haben mag. Andererseits: Vieles, was Herfried Münkler sagt, kann man gar nicht oft genug sagen und erläutern. Wer den Krieg, den François Hollande gerade erklärt hat, den Ursula van der Leyen nicht als solchen bezeichnen will und den die Al-Qaida-Boko-Haram-und IS-Terroristen schon lange führen, wer diesen Krieg besser verstehen will in seiner ganzen Verschwommenheit, seiner unklaren Semantik und seiner Komplexität, muss diese „Kriegssplitter“ unbedingt lesen.

Herfried Münkler: Kriegssplitter. Die Evolution der Gewalt im 20. und 21. Jahrhundert. Rowohlt Berlin, Berlin 2015. 396 Seiten, 24, 95€

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