Buch über das Meer und die Philosophie : Der dunkle Spiegel des Menschen

Von Platon bis Karl Jaspers: In seinem Buch „Philosophie des Meeres“ geht Gunter Scholtz auf Tauchgang in die Tiefen des Meeres und der abendländischen Philosophie.

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Der Grund so vieler Gedanken. Das Meer.
Der Grund so vieler Gedanken. Das Meer.Foto: dpa

Der Mensch, behauptet Gunter Scholtz, ist ein „zweibeiniges Landtier“. Mit diesem Aufgalopp, der uns der Natur zuschlägt, ist zugleich einiges gesagt über unseren Blick aufs Meer. Es ist unvertrautes und bedrohliches, aber auch riskantes und verlockendes Terrain. Gerade seine Fremdheit macht es zum Spiegel, in dem das „Landtier“ sein Eigenes erkennt – und damit zu einem privilegierten Gegenstand der Philosophie.

Was der Bochumer Hochschullehrer Gunter Scholtz mit seiner „Philosophie des Meeres“ präsentiert, ist keine kohärente Philosophiegeschichte am Meer entlang. Es ist ein erfrischend unsystematisches Umherschweifen zwischen Geschichts-, Natur- und Technikphilosophie, zwischen Naturrechtsdenken, Ästhetik und Theologie. Immer aber geht es um die Frage, wann und zu welchen Zwecken die Philosophie das Meer und Meeresbilder in Anspruch genommen hat.

Ein Defilee der gesamten Philosophiegeschichte

Interessant ist dabei zunächst eine Art Konjunkturgeschichte des Bildes vom Meer: Bis ins 18. Jahrhundert scheint Philosophie ohne Meer nicht auszukommen. Das 19. Jahrhundert aber lagert das Wissen vom Meer in die boomenden naturwissenschaftlichen Spezialdisziplinen aus. Erst am Ende des 20. Jahrhunderts kehrt das Meer zurück, als die Philosophie sich intensiver mit der Bildlichkeit ihrer eigenen Sprache beschäftigt – etwa in Hans Blumenbergs großartiger Untersuchung der Metapher vom „Schiffbruch mit Zuschauer“.

Erstaunlich ist, dass man lesend meint, einem Defilee der gesamten Philosophiegeschichte beizuwohnen und doch nur einen schlanken 260-Seitenband in Händen hält. Scholtz skizziert Positionen, verkürzt und fokussiert den Blick auf das, was ihm in Hinblick aufs Meer relevant erscheint: Thales von Milet erklärt das Wasser zum einzigen Ursprungsprinzip der Welt, Heraklit beharrt als Verfechter der Verwandlung darauf, dass man nicht zweimal in denselben Fluss steigen kann, und Platon versenkt Atlantis, weil das Meer mit Geldhandel und all den Fremden nur Sittenverderbnis bringe.

Edmund Burke, dann Kant, Hegel und Herder entwickeln ihre Vorstellungen des Schönen und Erhabenen im Angesicht des Meeres, dessen scheinbare Unendlichkeit die Nähe zum Göttlichen suggeriert. Dieser Gott freilich ist Nietzsche recht fern, wenn er seine Überzeugung, dass dunkler Weltgrund und schöner Schein zusammengehören, im Meer gespiegelt sieht und sein Bild der Modernität entwirft: „Wir haben das Land verlassen und sind zu Schiff gegangen! Wir haben die Brücke hinter uns – mehr noch, wir haben das Land hinter uns abgebrochen! Nun, Schifflein! Sieh dich vor!“ Der Existenzialismus von Karl Jaspers oder Albert Camus könnte sich sogar ein Stück weit biografischen Erfahrungen der Nordsee und des Mittelmeers verdanken.

Verständlich geschrieben, aber trotzdem anspruchsvoll zu lesen

Zuweilen klingt Scholtz’ von jeglichem Theoriejargon freies Philosophieerzählen fast ein wenig zu altväterlich plaudernd, zu gefällig. Doch hört man genau hin, ist es eine hintergründige Einfachheit, die zu erkennen gibt, dass jedem Satz mehrfach gestaffelte Subtexte unterliegen. Man muss vieles wissen, um das wenige Relevante auszuwählen, man muss komplex denken, um einfach zu schreiben. Als Leser aber muss man umso wacher bleiben, um Passagen mit entscheidenden Befunden nicht zu verpassen. Zum Beispiel dem von einer ambivalenten Wissenschaft, die der Natur nicht nur schadet, sondern sie erst sichtbar macht.

Der maßgebliche Einschnitt findet für Scholtz nämlich mit dem Anbruch der Neuzeit statt, mit Francis Bacons Wissenschaftsutopie „Nova Atlantis“ (1627) und dem neuen Utilitarismus. Ging es im antiken Philosophieren um die denkende Betrachtung der vernünftigen kosmischen Ordnung, um eine „Rechtsgemeinschaft der Dinge und Lebewesen“ (Klaus Michael Meyer-Abich), so sollte das Gute fortan das Nützliche sein.

Der Mensch verändert das Meer

Wissen und Anwendung würden nun verschmolzen – mit weitreichenden Konsequenzen für das Meer. Denn das bleibt sich nicht gleich, der Mensch mit seiner Wissenschaft und Technik, mit seinen Zwecken verändert es. Salopp gesagt: Er macht es zur „Müllsuppe“ – und das ist keineswegs eine Frage der Ästhetik.

Von hier rührt offenbar das Unbehagen, von dem diese „Philosophie des Meeres“ sich herschreibt, der Fluchtpunkt ihrer Argumentation: Eine Philosophie des Meeres ist immer auch Raumphilosophie – Philosophie der Biosphäre, der uns umgebenden Lebenswelt. Dass die moderne Industriegesellschaft und die technikgestützte Globalisierung diesen Raum affiziert und als endliche Ressource kenntlich macht, stellt eine Philosophie des Meeres in den Horizont einer Umweltethik. Was mit der natürlichen Lebenswelt geschieht, kann uns „zweibeinigen Landtieren“ schließlich nicht gleichgültig sein.

Gunter Scholtz: Philosophie des Meeres. Mare Verlag, Hamburg 2016. 288 S., 26 €.

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