Buch über die Boheme in der DDR : Tanzen auf den Trümmern der Ideale

Es gab ein gutes Leben im schlechten: Das Erinnerungsbuch „Stierblutjahre“ von Jutta Voigt beschreibt die Boheme in der DDR. Ein Kunststück.

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Die Schriftstellerin und Reporterin Julia Voigt.
Die Schriftstellerin und Reporterin Jutta Voigt.Foto: Milena Schlösser

Das Schönste an der DDR: Es war so leicht, gegen sie zu sein. Ein Land, regiert von alten Männern, die dumm genug waren, zu glauben, dass sie klüger seien als alle anderen, und die sich folglich anmaßten, das Land bis ins Kleinste zu reglementieren, so ein Land fordert jeden, der nicht nur Untertan sein will, dazu heraus, gegen Regeln zu verstoßen. Das ist dann auch sehr leicht und fühlt sich gut an.

Das ist der eine Grund, weshalb es vielleicht nie so viel Boheme gab wie in der DDR. Der zweite: Das Geld war Spielgeld, es reichte für Wohnung, Rauchwaren und Alkoholika, ansonsten spielte es keine große Rolle. Und ein dritter: Man hatte Zeit. Um auf komische Gedanken zu kommen, braucht man schließlich kein Geld, sondern nur Zeit.

Die DDR also als Heimstatt einer Boheme zu beschreiben, liegt nah. Dass das in einem Buch erst jetzt geschehen ist, ebenfalls. Denn es liegt etwas Wehmütiges in dem Unterfangen, das früher wohl als ostalgisch gebrandmarkt worden wäre, zumal dieses Buch, „Stierblutjahre“, in einem Ton verfasst ist, der hin und wieder etwas zu süß geraten ist: „Entschwundene Orte, vergessene Namen, verblasste Leidenschaften – ich habe versucht, sie an unseren Tisch zu holen, bevor es kalt wird in Deutschland.“ Aber eigentlich schreibt Jutta Voigt, die zu Recht preisgekrönte Reporterin, in einem wunderbaren Stil, sie legt ihre Befangenheit als sympathisierender Zaungast offen, sie zitiert genug Protagonisten, denen nichts ferner liegt als eine Verklärung ihres Lebens in der Ost-Boheme, und sie beschreibt hinlänglich die dunklen Seiten im Leben der staatsfernen Künstler: Verbot, Bespitzelung, Enge.

Ein ertrotztes Ich statt ein verordnetes Wir

Dass sie derlei aber nicht ins Zentrum stellt, sondern vielmehr die Versuche, alldem zu entfliehen, der Beschränkung die Weite entgegenzusetzen, dem verordneten Wir ein ertrotztes Ich, das macht den Wert dieses Buches aus. Unterhaltsam zeigt es, dass es ein gutes Leben im schlechten gab (wenn schon kein richtiges im falschen), dass mit „Totalitarismus“ womöglich ein Anspruch der Herrschenden beschrieben werden kann, aber bestimmt nicht ihr Erfolg im Land, und warum etliche kritische DDR-Intellektuelle die gängige Beschreibung ihres Lebens im vergangenen Land als holzschnitthaft und kenntnisarm empfinden. Wenn es so gewesen wäre, müsste sich ein jeder für jeden Tag schämen, den er ohne Ausreiseantrag verbracht hat, für jedes Glas Rotwein, das er nur aus Lust und ganz ohne Grimm in sich geschüttet hat.

Wenn wir schon beim Rotwein sind, sei erklärt, warum das Buch „Stierblutjahre“ heißt. „Stierblut“ nämlich war der Name eines der drei überhaupt trinkbaren, weil nicht zuckersüßen Rotweine in diesem schon deshalb dem Untergang geweihten Land. Was die schiere Menge an gesoffenem Alkohol anbelangt, unterschied sich die Boheme kein bisschen vom Rest des Landes; allein die bevorzugten Weinsorten waren andere.

Voigt hat einen weiten Begriff von Boheme

Jutta Voigt hat einen ausgesprochen weiten Begriff von Boheme. Für sie zählen eigentlich all jene dazu, die es mit der Kunst hatten und die ihre Individualität betonten. Würde man damit nicht die zahlreichen Wodka- und Biertrinker und die wenigen Nichttrinker ausschließen, könnte man ähnlich trennscharf sagen, dass sich der DDR-Bohemien vom Rest dadurch unterschied, dass er den Wein gern trocken trank.

Voigt beschreibt rauschende Feste und die Vorliebe für opulente Wohnarrangements. All das gehört für sie zur Boheme, weil sie die Entfernung vom Staatsvormund und die Betonung des Individuellen als Maßstab nimmt. So kommt sie nicht nur über die Beschreibung des Zeitenwandels zur Beschreibung ganz unterschiedlicher Szenen – die Einschnitte des Verbotsplenums von 1965 und der Biermann-Ausbürgerung von 1976 haben viel verändert, aus Optimisten wurden Pessimisten, aus Dableibern Weggeher. Besonders für die achtziger Jahre beschreibt sie Künstlerszenen, die sich allein in ihrer Staatsferne (und Stasidurchdringung) ähnelten, sonst aber kaum etwas miteinander anfangen konnten.

Da waren die älteren mit ihren staatlich alimentierten Überlebensstrategien, die sich immerhin noch an Zeiten erinnern konnten, in denen sie an den Sozialismus geglaubt hatten – das war der Kreis, in dem sich Jutta Voigt aufhielt; daneben avantgardistische Jungkünstler, die sich schwarz kleideten, ernst dreinschauten und gar nicht erst auf die Idee verfielen, ihre Kunst über die vorgesehenen Kanäle zu veröffentlichen. Denen war es nie ums große Miteinander gegangen. Und dann war da noch „Der Mob“, junge Leute mit einem tiefgreifenden Interesse am Oberflächlichen, die dem grauen Einerlei mit Anderssein und Buntsein begegneten, gern in Punk-Attitüde, gern auch schwul. Motto: „New York ist da, wo wir sind.“

Alkohol und Sex waren prägende Elemente des Alltags

Jutta Voigt schwelgt in Erinnerungen: „Es ging darum, die DDR zu vergessen und doch bei ihr zu bleiben. Es ging darum, so gut wie möglich zu leben, heute, nicht morgen. Lieber mit achtzig Freunden bei Offenbach ausschweifend Geburtstag feiern, anstatt eine Schrankwand anschaffen, immerhin waren sie noch da, die achtzig Freunde. Es ging darum, in der Erstarrung die Bewegung nicht zu verlernen. Zu überleben. Zu tanzen auf den Trümmern der Ideale. Es ging darum, wach zu bleiben. ,Grönland‘ zu entkommen, dem kalten.“

Und sie zitiert ausführlich andere, die überhaupt nicht schwelgen: Katja Lange- Müller etwa: „,Wo wir sind, klappt nichts mehr, aber leider können wir nicht überall sein’, das war so ein typischer Spruch. Wenn man so lebt, jeden Tag um zwölf am Mittag mit nem dicken Kopf aufwacht, was willste da noch viel bewirken.“ Und ein Ungenannter: „Wir haben nie wieder so viel Zeit gehabt wie damals, weil wir nicht wussten, wo wir die Dinge, die wir im Kopf hatten, anbringen sollten. Alkohol und Sex waren prägende Elemente dieses Alltags. Und dazwischen dauernd die Projektionen, die Sehnsüchte und Träume, was man machen müsste, was verhindert wird, und wie man es vielleicht doch machen könnte.“

Dieses Nebeneinander macht das Buch so lesenswert. Es erhebt keinen Anspruch auf Deutung. Es beschreibt eine Zeit, die weder schlimm war noch schön, sondern immer beides, nebeneinander, ineinander. Jutta Voigt bringt das Kunststück zustande, eine Sehnsucht zu erklären nach einer Welt, die es verdient hat, unterzugehen.

Jutta Voigt: Stierblutjahre. Die Boheme des Ostens. Aufbau Verlag, Berlin 2016. 272 Seiten, 19,95 €.

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