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Buchbranche : Gute Titel, schwere Zeiten

21.12.2012 00:00 Uhrvon
Aus einer fernen Zeit. Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld und seine Frau und Nachfolgerin Ulla Berkéwicz anno 1999. Foto: picture-allianceBild vergrößern
Aus einer fernen Zeit. Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld und seine Frau und Nachfolgerin Ulla Berkéwicz anno 1999. Foto: picture-alliance - Foto: picture-alliance / dpa

Drama bei Suhrkamp, Wechsel bei Hanser: Die Buchbranche erlebt gewaltige Veränderungen. Es geht dabei nicht nur ums Führungspersonal.

Es sind turbulente Wochen für den Literaturbetrieb und die Verlagsszene, und das vor Weihnachten, da Verlage und Buchhandel einen Großteil ihres Umsatzes machen und keine Störgeräusche brauchen können. Der seit 2010 in Berlin ansässige Suhrkamp Verlag steht wegen seines Gesellschafterstreites kurz vor dem Abgrund, und von seinen vielen guten Büchern ist im Moment keine Rede, nur von Gerichtsprozessen und Urteilsbegründungen. Beim Hanser Verlag in München geht es zwar ungleich ruhiger zu. Aber auch er sorgte vergangene Woche für eine Schlagzeile: Hanser-Verleger Michael Krüger, der 2013 seinen 70. Geburtstag feiert, scheint nun nach langer Suche seine Nachfolge geregelt zu haben.

Ihm soll Ende des kommenden Jahres der 44 Jahre alte Jo Lendle vom DuMont Verlag folgen, nicht zuletzt weil ihn „ein sicheres Gespür für literarische Autoren und außergewöhnliche Stoffe“ auszeichne, so die Hanser-Meldung.

Suhrkamp und Hanser gehören zu den Leuchttürmen der Buchbranche. Seit Jahrzehnten prägen sie das geistige und literarische Leben in Deutschland. Sie sind beide noch immer unabhängige, mittelständische Unternehmen. Und sie wurden zu dem, was sie sind, durch charismatische Verleger, die es aufs geschickteste vermochten, literarischen Anspruch und den Sinn fürs Geschäft auszubalancieren: Der 2002 verstorbene Siegfried Unseld bei Suhrkamp und eben Michael Krüger. Die Nachfolgeregelung bei Hanser und der Kampf bei Suhrkamp passen deshalb gut zusammen: Hier der Verlag, der seit dem Tod von Unseld und der Übernahme durch seine Witwe nicht zur Ruhe kommt; und dort der Verlag, der mit seinen vielen Nobelpreis- und Büchnerpreisträgern im letzten Jahrzehnt oft als der legitime und einzige Suhrkamp-Nachfolger bezeichnet wurde. Ein zweiter Michael Krüger war aber nie in Sicht.

Es ist nun nicht nur in der Buchbranche so, dass gewachsene Unternehmen nach dem Weggang oder Tod prägender Führungspersönlichkeiten in Schwierigkeiten geraten. Im Fall von Suhrkamp/Hanser fügt es sich jedoch, dass Verlagswesen und Buchmarkt so dramatischen Veränderungen wie lange nicht unterworfen sind. Dazu gehört natürlich die Digitalisierung, deren Folgen noch lange nicht abzusehen sind. Da gab es aber bereits zuvor eine zunehmende Konzentration in der Branche sowie ein verändertes, gern auf Bestseller zielendes Leseverhalten, dem die Verlage Rechnung zu tragen versuchen. Michael Krüger ist dabei stets umsichtig vorgegangen. Er hat entschlossen auf literarische Ansprüche gepocht – aber auch den Trend zum erzählenden Sachbuch mitgemacht. Und er hat erfolgreich Autoren wie Anna Gavalda, Alex Capus oder Alessandro Baricco verlegt, allesamt eher im Ressort gehobene Unterhaltungsliteratur zu Hause.

Ulla Unseld-Berkéwicz dagegen hält sich gern und störrisch für das Bollwerk gegen die Trash- und Spaßgesellschaft. Entschlossen folgt sie den Vorgaben ihres verstorbenen Mannes, allerdings ohne dessen festen Blick auf die Finanzen, wie die in den vergangenen Jahren veröffentlichten Unseld-Briefwechsel mit Autoren wie Wolfgang Koeppen, Thomas Bernhard und Peter Handke offenbart haben. Unseld-Berkéwicz ist traditionsbewusst, zugleich aber offen für Neues, für literarische Experimente; Suhrkamp ist ja nicht nur Heimat von Enzensberger, Handke, Mayröcker und Kluge, sondern auch von Leanne Shapton, Sibylle Lewitscharoff, Teju Cole, Thomas Meinecke, Rafael Horzon und so weiter. Und doch fragt man sich seit Jahren bei der Durchsicht der Suhrkamp-Verlagsprogramme stets aufs Neue: Wie kann der Verlag das alles finanzieren? Rentiert sich das? Die 2013er-Frühjahrsvorschau von Suhrkamp zählt dreimal so viele Seiten wie jene von Hanser und offeriert bestimmt doppelt so viele Neuerscheinungen. Verschlankung, Konzentration aufs Wesentliche, umsichtiges wirtschaftliches Arbeiten – all das geht anders. Hinter vorgehaltener Hand heißt es in der Verlagsszene schon lange, dass der Suhrkamp Verlag, macht er so weiter wie bisher, eines Tages vor dem Ruin steht – für diese Kassandra-Rufe braucht es gar keinen Hans Barlach mit seiner Forderung nach wirtschaftlicherem Arbeiten.

Man muss kein Prophet sein, um sehen zu können, dass Suhrkamp, sollte es zu einer Lösung des Konflikts kommen, bald ein anderer, vom ökonomischen Vernunftdenken regierter Verlag sein wird, mit wem dann auch immer in der Geschäftsführung. Minderheitsgesellschafter Barlach hat zumindest dahingehend sogar einmal Namen genannt: Helge Malchow von Kiepenheuer & Witsch, Alexander Fest von Rowohlt, Marcel Hartges von Piper. Das ist nicht besonders originell. Denn sollte man andere Verlegerpersönlichkeiten in Deutschland neben Michael Krüger aufzählen, fallen einem diese drei auf Anhieb ein. Was sie neben ihrer Leidenschaft für Bücher und Literatur auszeichnet: Sie bewähren sich in Großunternehmen, gehören doch KiWi und Rowohlt zu Holtzbrinck und Piper zur Bonnier-Gruppe. Der dritte Große in diesem Konzernbunde ist Bertelsmann.

Das heißt zwar, dass diese Verleger hin und wieder mehr Geld in die Hand nehmen können, um ein Buch zu kaufen oder bestimmte Autoren an ihren Verlag zu binden. Aber sie sind viel mehr noch dazu verpflichtet, ökonomisch zu haushalten und an Umsätze zu denken. Der Geist muss dann schon mal hintanstehen. Ein Alexander Fest mag da mit sogenannten Schnelldrehern und leichten Büchern noch auf Unterverlage wie Wunderlich oder Kindler ausweichen und sich bei Rowohlt aufs Literarische konzentrieren können.

Bei KiWi aber etwa verhält sich das schon anders: Hier stehen zwischen der anspruchsvolleren Literatur diverse Krimis, Cordula Stratmanns neuer Roman oder ein Erziehungsbuch von der RTL-Supernanny Katharina Saalfrank. Ob Helge Malchows Herz höher schlägt bei der Lektüre dieser Bücher? Wohl kaum. Aber die Frage stellt sich ihm vermutlich gar nicht. Professionelles Verlegen mit Blick für den Markt ist gefragt, Verlagsmanagement genauso wie die intensive Zusammenarbeit mit Autoren und das Gespür für literarische und „außergewöhnliche“ Stoffe.

Ulla Unseld-Berkéwicz’ Suhrkamp Verlag ist ein Auslaufmodell – und auch Jo Lendle wird Hanser anders führen als Michael Krüger. Das mag man bedauern, es gehorcht aber vor dem Hintergrund grundstürzender Veränderungen in der Branche einer strengen Logik.

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