Bücher : Also machen wir’s selbst

Sie geben jungen türkischen Autoren eine deutsche Stimme: In Kreuzberg haben zwei Schwestern den Verlag Binooki gegründet, der türkische Literatur auf Deutsch herausbringt.

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Zehn Bücher pro Jahr sollen es werden. Die Verlegerinnen Inci Bürhaniye (l.) und Selma Wels. Foto: Barbara Dietl
Zehn Bücher pro Jahr sollen es werden. Die Verlegerinnen Inci Bürhaniye (l.) und Selma Wels. Foto: Barbara Dietl

Inci Bürhaniye, vor kurzem noch hauptamtliche Anwältin für Steuerrecht mit eigener Kanzlei in Berlin, und ihre jüngere Schwester Selma Wels, die zuletzt für Film- und Theaterproduktionen arbeitete, sitzen in einem Kreuzberger Kreativhaus nahe der Spree und reden über ihrenVerlag: Binooki. Vom türkischen „binoki“, zu Deutsch „Kneifer“, ein Monokel mit zwei Gläsern. „Wenn man will, kann man die zwei Gläser natürlich auf unsere beiden Kulturen beziehen: auf das Türkische und das Deutsche“, sagte Selma Wels. „Aber ehrlich gesagt war es nicht so vielsagend gemeint. Wir haben in einem deutsch-türkischen Wörterbuch nach einem schönen Verlagsnamen gesucht, ’binoki’ gefunden und aus optischen Gründen ein zweites O hinzugefügt.“

Zwei Frauen gründen einen Verlag, der sich ausschließlich auf die in Deutschland eher wenig bekannte Literatur eines einzigen Landes konzentriert. Sie starten mit einem ehrgeizigen Programm. Zehn Bücher im Jahr sollen erscheinen, in schöner, aber einfacher Ausstattung. Zwei liegen schon druckfrisch auf dem kleinen Tisch zwischen den Sesseln. „Warten auf die Angst“, ein Erzählungsband des türkischen Klassikers Oguz Atay, der 1977 starb, und der Roman „Söhne und siechende Seelen“ von Alper Canigüz, der 1969 geboren wurde und in der Türkei als (gerade noch) junger Wilder gilt.

Das ist eigentlich alles – und es wäre schon genug. Aber es ist natürlich nicht alles, wie das Lächeln von Selma Wels verrät oder der Satz, den sie am Anfang des Gesprächs wie eine Klarstellung fallen lässt: „Ich kenne gar keine zwangsverheirateten Frauen!“ Wir sitzen im Verlagsraum an der Köpenicker Straße, dessen geschmackvolle Kargheit auch zu einem Internet-Start-up passen würde. Aber wenn zwei Deutsch-Türkinnen einen Verlag gründen, ist da offenbar immer noch der Erklärungsbedarf mit im Zimmer.

Der kommt von den oft gehörten, immergleichen Fragen. Um es also hinter uns zu bringen: Anders als die vielen Anthologien mit Beiträgen von Autoren mit sogenanntem Migrationshintergrund, die gerade erscheinen, hat die Gründung von Binooki nichts mit der Empörung über Thilo Sarrazin zu tun. Es geht auch nicht darum, die Lebenswirklichkeit von in Deutschland lebenden Türken vorzustellen. In der Programmbroschüre steht: „Klischeefreie Zone“. Und: „Klischees sind uns zu blöd, die über die Döner-Türken und die über die farblosen Deutschen auch. Wir haben Binooki 2011 in Berlin gegründet, um türkische Gegenwartsliteratur auf Deutsch zu verlegen und damit die Kulturen unserer beiden Heimaten zu verbinden. Wir geben jungen türkischen Autoren eine deutsche Stimme, verlegen Belletristik und deutsche Erstübersetzungen türkischer Klassiker. Das hat bisher gefehlt. Also machen wir es einfach selbst.“

Die Idee für die Gründung kam aus ihrer biografischen Situation. Inci Bürhaniye ist zwölf Jahre älter als ihre Schwester. Zwei Jahre vor deren Geburt waren ihre Eltern aus dem türkischen Aydin nach Pforzheim gekommen, die Türkei war für sie während ihrer Kindheit noch stark präsent. Sie spricht und schreibt perfekt Türkisch – im Gegensatz zu Selma, für die das Lesen türkischer Texte keine Selbstverständlichkeit ist und die endlich mal die Autoren kennenlernen wollte, von denen ihre Schwester ihr vorschwärmte. Die eine Hälfte des Zielpublikums besteht also aus in Deutschland lebenden Türken der zweiten und dritten Generation wie Selma, die etwas über die Türkei erfahren wollen. Dass Bücher auf Deutsch sich aber vor allem an deutsche Leser richten, zeigt der „Hinweis des Verlages“, der dem Roman von Alper Canigüz vorangestellt ist: „Keine Angst, Türkisch lernen müssen Sie für die Lektüre dieses Buches nicht. Aber ein paar Worte sollten Sie schon kennen ...“ Dann wird erklärt, dass in der Anrede den Herrennamen ein „Bey“ und den Damen ein „Hanim“ angehängt wird.

2008 war die Türkei Gastland auf der Frankfurter Buchmesse, und wie es üblich ist, brachten die großen deutschen Verlage für eine Saison viele Übersetzungen heraus, um ihr Engagement für türkische Literatur danach sofort wieder einzustellen. Bis auf Nobelpreisträger Orhan Pamuk ist kaum ein Autor in Erinnerung geblieben. Trotzdem ist der Zeitpunkt für diese Neugründung genau der richtige. „In den letzten Jahren hat sich das Interesse an der Türkei verstärkt“, sagt Inci Bürhaniye. 2010 war Istanbul Europäische Kulturhauptstadt, „und alle, die einmal in Istanbul waren, sehen die Türkei anders“. Als modernes, wirtschaftlich erfolgreiches Land, in dem es eben auch eine „wilde, seriöse, kaputte und adrette“ Literatur gibt, die uns, wie in dem schwarzhumorigen Roman „Söhne und siechende Seelen“ von Alper Canigüz, zum Beispiel auf die asiatische Seite Istanbuls führt, wo ein Kindererzähler neunmalklug die Welt der Erwachsenen erklärt. „In manchen Bereichen ist die Türkei fortschrittlicher als Deutschland. Es gibt in Istanbul mehr weibliche als männliche Anwälte“, sagt Inci Bürhaniye, die neben der Verlagsarbeit weiter als Anwältin arbeiten wird. Der Roman „Die Begleitung“ der Journalistin Yasgülü Aldogan, der dieser Tage erscheint, erzählt von einer erfolgreichen Istanbuler Unternehmerin, die sich einen männlichen Begleiter mietet, was zu allerlei Verwicklungen führt.

Der erste große Verlagsauftritt findet Ende März während des türkischen Literaturfestivals „Dil Dile“ statt. Ein türkisches Literaturfestival in der Volksbühne, das wegen des großen Erfolgs im letzten Jahr nun zum zweiten Mal stattfindet. Die Zeit ist wirklich reif.

www.binooki.com; Festival „Dil Dile“: 23.–31.3., dildile-literaturfestival.com

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