Bücher von Nooteboom und Lewis : Dichter, Gräber und auch Killer

Eine Reise durch die Geistesgeschichte: Cees Nootebooms "Gräber von Dichtern und Denkern" mit Fotografien von Simone Sassen und "Neapel '44" von Norman Lewis.

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Das Grab von Oscar Wilde in Paris.
Beliebtes Ziel für Touristen. Das Grab von Oscar Wilde in Paris.Foto: Julien Fouchet / dpa

Die Gräber großer Dichter und Denker sind bei Touristen, Fotografen und den Verlegern elegisch eleganter Bildbände ein beliebter Topos. In London etwa pilgern jährlich Tausende auf den Friedhof Highgate, wo Karl Marx bestattet ist – aber in neuerer Zeit auch die Schriftstellerin George Eliot, der Maler Lucian Freud und der so mysteriös mit Polonium ermordete russische Agent (oder Dissident) Alexander Litwinenko. Zwar kommt Highgate nicht vor in Cees Nootebooms „Tumbas. Gräber von Dichtern und Denkern – Mit Fotografien von Simone Sassen. Doch Nootebooms jüngstes Gemeinschaftswerk mit seiner Lebensgefährtin Simone Sassen ist ein wunderbares Gesamtkunstwerk.

Sassens Gräber-Fotos sind alle schwarzweiß und frei vom Kunstehrgeiz bemühter Friedhofspoesie. Und selbst der Romancier und Reiseschriftsteller Nooteboom nimmt sich bei seinen 83 Porträts der Orte und ihrer dort in der tieferen Umgebung zu vermutenden Bewohner zurück. Manchmal delegiert er mit seinem literarischen Feingespür die eigene Stimme an andere Zeugen oder Vorgänger. So zitiert er Elias Canetti, als er Friedrich Hölderlin auf dem Tübinger Stadtfriedhof besucht. Bei Goethes Sohn August, der wie die englischen Dichter John Keats und Percy Bysshe Shelley auf dem Protestantischen Friedhof in Rom ruht, leiht er sich die Stimme von Ingeborg Bachmann. Auf dem nämlichen Gräberfeld, das die Römer den cimitero accatolico nennen, liegt auch Wilhelm von Humboldts im Alter von neun Jahren an einem Sumpffieber verstorbener Sohn Wilhelm – und der Brief, den der Vater 1803 an den Freund Friedrich Schiller von Rom nach Weimar schickt, er ist schlicht: herzergreifend. Große Trauerprosa, Wahrheit statt Dichtung.

Neben berühmten Namen und Orten auch manche Entdeckung

Mit Nooteboom reisen wir so durch ein sehr persönliches Universum der Geistesgeschichte, dessen erloschene und doch weiterstrahlende Sterne alphabetisch von Andrade, Apollinaire, Auden, Balzac, Baudelaire oder Beckett bis zu Vergil, Wilde, Wittgenstein, Virginia Woolf und William Butler Yeats reichen. Mit einem Epilog noch zu Paul Celan und Joseph Roth, die auf dem – anders als die Friedhöfe von Montparnasse oder dem Père-Lachaise – weniger frequentierten Cimitière de Thiais in Paris ruhen.

Es gibt neben den berühmten Namen und Orten, von Dante in Ravenna bis Kafka in Prag, auch manche Entdeckung. Wer weiß schon, dass in Rouen, nicht weit vom Verbrennungsort der Jeanne d’Arc, auf demselben Friedhof Flaubert und der Kunstavantgardist Marcel Duchamps bestattet sind, wobei ihre Gräber „keinerlei Zugeständnisse an die Modernität des Oeuvres machen“. Nooteboom fügt hinzu: „... vielleicht, weil die Bourgeoisie immer mächtiger sein wird als der, der ihr entkommt.“

Neapel sehen, ohne zu sterben

Apropos letzte „Ruhe“: Als Nooteboom in Berlin auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof (der hier nicht ganz korrekt „Dorotheenstädter“ genannt wird) Brecht und Helene Weigel besucht, lautet sein letzter Satz: „... ein paar Schritte weiter die Gräber von Fischte und Hegel samt ihren Damen, quiet graves, unquiet thoughts.“

In Neapel war C. N. am Grab des untröstlichen Leopardi. Jetzt ein Sprung. Tote und Überlebende hat ein amerikanischer Nachrichtenoffizier beobachtet, der mit den Alliierten im September 1943 in Süditalien gelandet war und das folgende Jahr in dem von Mussolini und den Deutschen befreiten Neapel verbrachte. Norman Lewis „Neapel ’44. Ein Nachrichtenoffizier im italienischen Labyrinth“ ist eine Wiederentdeckung. Das 1995 schon einmal bei Folio erschienene Tagebuch zeigt das (Nach-)Kriegschaos der süditalienischen Golfmetropole im selben Jahr, in dem die Heldin von Elena Ferrantes jetzt auch in Deutschland zum Bestseller gewordener Neapel-Saga geboren wurde. Das Jahr zudem, in dem dort Curzio Malapartes bewegender Roman „Die Haut“ spielt. Norman Lewis so nüchterne wie dramatische Notate liefert zu allem den Schlüssel, auch zur Mafia, Korruption und dem Schmelztiegel von Fatalität und Vitalität. Neapel sehen, ohne zu sterben.

Cees Nooteboom „Tumbas. Gräber von Dichtern und Denkern – Mit Fotografien von Simone Sassen. Schirmer/Mosel Verlag, München, 328 Seiten, 28 €

Norman Lewis „Neapel ’44. Ein Nachrichtenoffizier im italienischen Labyrinth“ . Folio Verlag, Wien-Bozen, 238 S., 22,90 €

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