Kultur : Bürogewitter

Schlag mich, und ich lieb dich: die Sadomaso-Komödie „Secretary“

Silvia Hallensleben

Ob Anwaltskanzleien in Florida wirklich mit Leuchtschildern um neues Personal werben? Wundern würde einen das im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nicht. Im Büro Grey jedenfalls scheinen die Sekretärinnen gewechselt zu werden wie im Hotel die Bettwäsche. Lee Holloway jedoch rechnet sich keine große Chancen aus: Sie ist gerade erst aus der Psychiatrie entlassen worden, wo sie wegen einer fast tödlichen Selbstverstümmelungsaktion in Behandlung war. Die Messer, mit denen sie sich die Haut aufritzt, liegen daheim im Schrank, wo Lee mit ihrer überfürsorglichen Mutter und einem Vater lebt, der sich mit Alkohol ruiniert. Geheilt ist sie längst nicht, doch das Leben muss weitergehen. Und wo wäre eine Frau mit selbstzerstörerischen Neigungen besser aufgehoben als auf dem Sekretärinnenstuhl im Büro?

Sekretärinnenfilme gibt es in der Filmgeschichte reichlich, schließlich ist das Kino zu der Zeit groß geworden, in der auch die weibliche Berufstätigkeit ihren Aufschwung nahm. Und bietet die penibel begrenzte und hierarchisierte Bürowelt nicht das perfekte Setting für die geschlechtsmarkierte Intrige, die nach allen möglichen Verwicklungen wie selbstverständlich glücklich in die amouröse Verbindung von Chef und Personal mündet? Auch Steven Shainbergs „Secretary“ ist in diesem Sinn ein ausgewachsener Sekretärinnenfilm. Lee bekommt nämlich den Job und mickert sich als unterwürfige Büromaus durch Diktate und degradierende Übergriffe. Und auch „Secretary“ thematisiert die genreübliche Liebesbeziehung zwischen Vorzimmer und Chefstube, wenn hier auch einiges anders als erwartet kommt. Denn der Film nach einer Kurzgeschichte von Mary Gaitskill nimmt den sadomasochistischen Subtext der Bürogeschichten so komisch wie bitterernst. Erst sind es nur Schläge, über Mr. Greys Schreibtisch gebeugt, zur Strafe für jeden Tippfehler eins auf den Po. Später transportiert Lee die Post im Mund durchs Büro, weil ihre Hände an einen Balken gefesselt sind. Eigentlich könnte es ganz gemütlich so weitergehen. Doch dann zeigt Mr. Grey Schwäche. Und Lee avanciert zu erstaunlicher Entschlossenheit.

Ohne jeden Anflug von Anzüglichkeit füllen James Spader und Maggie Gyllenthaal diese Büroliebe mit einer Selbstverständlichkeit, die Scheu ebenso zulässt wie Wagemut – und Glück. Dabei beschleunigt sich der Film, der sich vorher in langsamen Spiralen vorwärts zu winden scheint, gegen Ende zu fast Schwindel erregendem Tempo. Ein Ende, das irritiert: von der autistischen Selbstverstümmelung zur trauten S/M-Zweisamkeit? Doch so leicht ist die frohe Botschaft nicht zu haben. Zu drastisch sind die erlittenen Erniedrigungen, um sie im Nachhinein nur als Vorstufen der Selbstfindung abzutun. Zu realistisch wird auf real existierende Büropraktiken angespielt. Zu vollkommen ist das Happy-End, um nicht auch als bissige Parodie genreüblicher Romantizismen lesbar zu sein. Das „auch“ ist hierbei wichtig. Denn so sehr manche es versuchen mögen: „Secretary“ lässt sich nicht auf eine Lesart beschränken. Nennen wir es ein offenes Happy-End: nicht aus Unentschlossenheit, sondern in der Freiheit, erst mal zu sehen, was ist.

In Berlin in den Kinos Balasz, Cinemaxx Potsdamer Platz, CineStar Sony-Center (OmU), Kino in der Kulturbrauerei, Neue Kant Kinos

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