Bundespräsident : Die Bürger sollen ihn wählen

In der aktuellen Debatte um die Causa Wulff offenbart sich der Fehler im System: Es gibt einen krassen Gegensatz zwischen den Anforderungen an das Amt des Bundespräsidenten und der politischen Realität.

Daniel Barenboim
"Ein Politiker, der sich erlaubt Unwahrheiten zu sagen, wird mit Recht nicht Ernst genommen. Es gibt aber schwierige Situationen, in denen es besser ist, im Zweifelsfalle nichts zu sagen." - Aus einem Interview in der Zeitschrift "Dialog", 2/2008, aus Anlass seiner Buchveröffentlichung.Alle Bilder anzeigen
21.12.2011 09:12"Ein Politiker, der sich erlaubt Unwahrheiten zu sagen, wird mit Recht nicht Ernst genommen. Es gibt aber schwierige Situationen,...

Angesichts der vielfältigen wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen brauchen wir einen konstruktiven Anstoß zu einer Veränderung unseres Denkens. Die kann nur von aufgeklärten, gut informierten Bürgern ausgehen, schreibt Daniel Barenboim, Generalmusikdirektor der Berliner Staatoper, in seinem Essay, in dem er auch die Rolle des Bundespräsidenten beleuchtet.

Im vergangenen Jahr konnte man überall in der Welt Unbehagen und Empörung bei der Zivilbevölkerung feststellen. Im Nahen Osten haben die Menschen ihre Unzufriedenheit eindrucksvoll zum Ausdruck gebracht, aber auch der Westen war Schauplatz von gewaltsamen wie friedlichen Protesten gegen aktuelle wirtschaftliche, soziale und politische Ungerechtigkeiten – man denke an Stuttgart 21, an London im Sommer oder auch an Rom im Herbst.

Wir befinden uns in einer globalen, systemischen und ideologischen Krise, die von Ungewissheit und Instabilität gekennzeichnet ist. Ich frage mich, ob es in diesem Klima der tiefen Besorgnis nicht an der Zeit ist, dass wir alle über einen neuen, verantwortungsbewussten Umgang mit der Gesellschaft nachdenken, in der wir leben. Wir müssen um ein zivilgesellschaftliches Gewissen bemüht sein, das sich der Probleme bewusst ist und dem einzelnen Bürger zugleich Vertrauen und Sicherheit einflößen kann.

Angesichts der vielfältigen wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen brauchen wir aus meiner Sicht einen konstruktiven Anstoß zu einer Veränderung unseres Denkens, die nur von aufgeklärten, gut informierten Bürgern ausgehen kann. Diesen muss eine Generation von Intellektuellen Pate stehen, deren Anliegen die gemeinsame Sache sein sollte – losgelöst von der Logik der Macht. Nur so kann eine Kultur der Ethik und der Verantwortung entstehen.

Der Literaturwissenschaftler Edward Said hat die Rolle der Intellektuellen genau beschrieben, als er sagte, sie hätten die Aufgabe, die Entwicklung der Freiheit und des Wissens der Menschen zu fördern. In einer seiner Vorlesungen von 2001 definierte Said den Standpunkt des Intellektuellen in Opposition zu den Regierungen, insbesondere, wenn es jenen an Glaubwürdigkeit, Konsens, Kultur und Problembewusstsein mangelt. „Der Intellektuelle hat nicht nur die Aufgabe, die Interessen eines Einzelnen zu vertreten, sondern er muss den gegenwärtigen Stand der Dinge begreifen und sich verantwortungsbewusst dazu äußern, auch wenn dies auf antagonistische Weise geschieht“, sagte Said.

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