Burgtheater Wien : Der Revolutionsblues

Wie geht’s weiter an der Wiener Burg? Jan Bosses Inszenierung von „Dantons Tod“ ist die erste Premiere unter der neuen Intendantin Karin Bergmann.

Christina Kaindl-Hönig
Joachim Meyerhoff als Danton in Jan Bosses Inszenierung.
Joachim Meyerhoff als Danton in Jan Bosses Inszenierung.Foto: R.Werner/Burgtheater

„Ich mag nicht weiter!“, klagt der einstige Held der Französischen Revolution, er hat die Lust verloren. Joachim Meyerhoffs Danton steht an der Rampe der großen Burgtheaterbühne und schmiert sich mit beiden Händen Gips ins Gesicht, pappt sich flachsblonde Haarsträhnen auf den kahlen Schädel und malt sich einen schiefen roten Mund. Seine Selbstinszenierung changiert zwischen heroischem Standbild und grotesker Clownslarve: „Ich hab’ das alles so satt!“

Leitmotivisch ziehen sich diese Sätze durch Jan Bosses Inszenierung von Georg Büchners „Dantons Tod“. Unentwegtes Jammern begleitet den realitätsflüchtigen Revolutionär beim zunehmend schneller werdenden Dauerlauf durch eine sich drehende Rundkulisse. Ein babylonisches Gewirr aus Treppen und zellenartigen Räumen auf zwei Etagen hat Stéphane Laimé auf die Drehbühne der Burg gebaut. Ein Alkoven aus rotem Plüsch reiht sich an ein Boudoir, darüber Freund Camilles spartanisches Schlafzimmer mit Flugblättern an den Wänden, flankiert von einem Büro und einer schwarzen Balustrade. Hier hält Robespierre seine Reden, die synchron auf die Leinwand einer mit Glühbirnen umrankten Filmtheaterbühne projiziert werden. Paris 1794: nichts als Theater auf dem Theater. Danton: ein zermürbter Schauspieler auf der Suche nach sich selbst. Obgleich im Zentrum dieses ständig rotierenden Zeitrads zwischen wüst umherliegenden Kleidungsstücken das Blutgerüst des Terrors steht – Menetekel einer aus den Fugen geratenen Welt.

Passenderweise steht Georg Büchners Revolutionsdrama von 1835 nun als erste große Premiere zu Beginn der Intendanz von Burgtheaterdirektorin Karin Bergmann. Sie markiert das Ende des Köpferollens in Wien, nach den chaotischen Zuständen infolge des beispiellosen Finanzskandals und der fristlosen Entlassung von Bergmanns Vorgänger Matthias Hartmann.

Lauter Jubel hatte Bergmanns Ernennung am 14. Oktober zur neuen Burgtheaterdirektorin bis 2019 begleitet. Erstmals in seiner 240-jährigen Geschichte leitet nun eine Frau das berühmte Haus am Ring. Bergmann, die unter Peymann als Pressesprecherin zur Burg gekommen war und bereits zu Zeiten Klaus Bachlers als stellvertretende Direktorin fungierte, hatte nach Hartmanns Rausschmiss als Interimsintendantin gewirkt, sie bringt Managementqualitäten mit und genießt einen Ruf als Integrationsfigur. „Wir stehen immer auf dem Theater, wenn wir auch zuletzt im Ernst erstochen werden“ – Dantons Gedanke passt rückblickend nur zu gut zur Burg-Affaire. Hinzu kommt, dass das Drama sich als Kritik der Ästhetisierung von Politik lesen lässt; Büchner nimmt die Verblendung der politischen Akteure ins Visier und rechnet mit der Metternich’schen Restauration ab, die bis heute – gerade vor dem Hintergrund weltweiter Revolten – ungebrochene Relevanz besitzt. Es geht um die Frage: Wie viel Gewalt ist erlaubt, um Freiheit zu realisieren?

Meyerhoffs Danton wandelt sich vom Lüstling zum feisten Popanz

Zielt Büchners „Danton“ auf die Realität politischen Handelns, so bleibt Bosses Inszenierung in der Vorstellung der Welt als Theater gefangen, deren Figuren sich in einer fatalistischen Anschauung von Geschichte verheddern. „Puppen sind wir von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst!“, klagt Danton und baumelt neben seinen Freunden Camille (Peter Knaack) und Lacroix (Daniel Jesch) an langen Seilen, die Hinrichtung erwartend. Als am Ende Luciles (Aenne Schwarz) Schrei verebbt, bleibt alles nur Behauptungstheater: kein Wahnsinn, kein Entsetzen, kein Erbleichen vor der Realität allgegenwärtigen Mordens.

Vermittelte der 21-jährige Büchner in „Dantons Tod“ die Krise der bürgerlichen Revolution in den selbstzerfleischenden Richtungskämpfen ihrer Anführer, an deren Ende die Guillotine obsiegt, so vollzieht sich die Handlung vor allem in den rhetorischen Pirouetten seiner Figuren. Die kunstvolle Montage aus eigener Dichtung und historischen Quellen wird durch Bosses Strichfassung arg fragmentiert und gleichzeitig durch Passagen aus Büchners Briefen und „Woyzeck“ ergänzt, so dass große Auftritte wie der von Ignaz Kirchners Thomas Payne gänzlich unvermittelt wirken. Nahezu gestrichen sind die Rollen der Vertreter des Volkes, das Bosse verharmlosend in einen Marseillaise singenden Kinderchor verwandelt – womit er den Gehalt von Büchners Drama verfehlt, dessen Hoffnung sich auf das Erstarken der Massen als Träger einer sozialen Revolte richtete.

Verwandelt sich Meyerhoffs Danton, bar aller Ambivalenz, vom gelangweilt-eitlen Lüstling im Kimono (Kostüme: Kathrin Plath) am Ende in einen feisten Popanz vor dem Revolutionstribunal, so macht allein Michael Maertens’ Robespierre den Schauer diktatorischen Terrors erahnbar. Als verklemmter Bürokrat mit Pagenkopf und sanfter Stimme verkörpert er die unauffällige Banalität des Bösen, wenn er, nach der Exekution seiner Gegner, mit gesenktem Blick dem zarten Gesang eines Jünglings lauscht. Ungehört verpufft hingegen Büchners Realismus der Autopsie revolutionärer Mechanik in einer unentschiedenen, bisweilen langatmigen Inszenierung.

Und wie geht es weiter an der Burg? Karin Bergmanns Aussagen zur künstlerischen Konzeption klingen bislang vage. Die 61-Jährige träumt von einem „Theater Europas“, von verstärkter Zusammenarbeit mit östlichen Nachbarländern und Uraufführungen etwa von Stücken Peter Handkes. Neben „epochalen Stoffen“, wie Dantes „Göttlicher Komödie“ oder einem neuen „Jedermann“, will sie auf die junge Generation setzen. So gibt es in ihrer ersten „Sparspielzeit“ Uraufführungen von Wolfram Lotz und Ewald Palmetshofer. Sie nennt Regisseure wie Herbert Fritsch aus Berlin, Andreas Kriegenburg, Martin Kušej oder Alvis Hermanis, mit dem sie eine Inszenierung von Gogols „Revisor“ plant. Darin soll die Finanzkrise der Burg theatralisch aufgearbeitet werden. Ob Bergmann neben ökonomischer Transparenz aber auch für eine künstlerische Revolution sorgt, das muss sich noch zeigen.

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