Kultur : Cal alias Casanova

Training für Trennungsopfer: „Crazy, Stupid, Love“

von
Siegen lernen.
Siegen lernen.Foto: dapd

Das Ehepaar sitzt am Restauranttisch. Beide sind in die Dessertkarte vertieft. Cal (Steve Carell) hat sich inzwischen für die Crème brûlée entschieden. „Ich denke noch darüber nach, was ich will“, grübelt Emily (Julianne Moore), legt schließlich die Speisekarte auf den Tisch und sagt: „Ich will die Scheidung“.

Kein schlechter Start in eine Komödie, die das bürgerliche Leben ihres Helden gründlich verwüstet. Als Emily ihrem Gatten zudem auf der Rückfahrt erklärt, dass sie mit einem Arbeitskollegen geschlafen hat, öffnet Cal die Autotür und lässt sich herausfallen – eine theatralische Geste, die angesichts der Geschwindigkeitsbegrenzung im Wohngebiet deutlich an Wirkung verliert. Aber schließlich fügt er sich in sein Schicksal, zieht aus dem Eigenheim in ein schmuckloses Apartment, sieht seine Kinder nur noch am Wochenende und betrinkt sich abends in einer Nobelbar.

Wie hilfreich, dass der geschmeidige Womanizer Jacob (Ryan Gosling), der das Etablissement jeden Abend mit einem anderen Topmodel verlässt, das trübselige Trennungsopfer unter die Fittiche nimmt! Wenn da nicht ein anderes Problem am Horizont aufschimmern würde: Während sich Azubi Cal für sein polygames Coming Out rüstet, glaubt sein 13-jähriger Sohn Robbie (Jonah Bobo) in seiner vier Jahre älteren Babysitterin Jessica (Analeigh Tipton) die Frau fürs Leben gefunden zu haben. Nur was, wenn Jessica nicht für den jungen Romeo, sondern für dessen Vater schwärmt?

Die liebenswerte Komödie „Crazy, Stupid, Love“ erinnert in ihrer Struktur deutlich an „American Beauty“, verzichtet aber auf jenen bissigen Humor, mit dem Sam Mendes damals die amerikanische Mittelstandsfamilie in die Krise schickte. Das Regie-Duo Glenn Ficarra und John Requa, das mit „I Love You Phillip Morris“ bereits eine schwule Liebesgeschichte charmant ins Mainstreamkino mogelte, bleibt auch hier seinem zynismusfreien Humor treu. Dabei führt die Zuneigung für die Figuren nicht ins menschelnde Einerlei à la „Larry Crowne“, sondern zum geschärften Blick für das komische Potenzial ihrer Schwächen.

Hinzu kommt ein glänzend aufspielendes Ensemble, das vor allem bei den Nebenfiguren punktet – vor allem Ryan Gosling, der nach „Blue Valentine“ hier ans andere Ende des Schauspieluniversums reist, ist hinreißend als schnurrender Casanova. Erst in den letzten zwanzig Minuten, wenn sich die Filmemacher ohne große Not in den Würgegriff der Konventionen und auf den mühseligen Weg zum aufgesetzten Happy End begeben, wird die Sache ein wenig fade. Aber bis dahin haben wir uns – bei schlagfertigen Dialogen, einigen tatsächlich überraschenden Plotwendungen und einer sichtbaren Liebe zum komödiantischen Handwerk – ganz gut amüsiert.

In 16 Berliner Kinos; Originalversion

 im Cinestar SonyCenter

0 Kommentare

Neuester Kommentar