Kultur : Carmen Miranda: Alles Bananas

Sandra Luzina

Carmen Miranda. Schon der Name klingt nach billigem Glamour, eine flittrige Verheißung. Vor 46 Jahren starb die brasilianische Pop-Ikone - im Alter von 46 Jahren, ein Stern, der kurz aufleuchtet und jäh erlischt. In den vierziger Jahren stieg sie auf zur höchst bezahlten Unterhaltungskünstlerin in den USA. Als "Brazilian bombshell" wurde sie gefeiert, von Hollywood auf das Rollenmodell der exotischen Frau festgelegt. Eine Liebeserklärung an die berühmte Unbekannte formuliert nun der Regisseur Holger Friedrich. Im Haus der Berliner Festspiele errichtet er einen "Carmen Miranda Revue Pavillon" - eine Kultstätte, wenngleich der flüchtigen Art, die dem vergänglichen Ruhm und der verloschenen Schönheit gedenkt und auch eine bisschen nachtrauert.

Mit zwei pinkfarbenen Königspudeln betritt ein kleiner bärtiger Mann die Bühne, trotz der tropischen Temperaturen in einen dicken Wintermantel gehüllt. Holger Friedrich führt als Maître de plaisir durch das Programm, das so tut, als sei es eine Revue. Die Aufführung schmückt sich mit Nostalgie, kokettiert mit Frivolität, wappnet sich mit Ironie. Wie das so ist mit Liebeserklärungen, auch mit den posthum geäußerten: sie fallen oft ein wenig lächerlich aus. Diesem Risiko hat Holger Friedrich sich bewusst ausgesetzt, zumal das Objekt der Anbetung selbst von geradezu großartiger Lächerlichkeit ist.

Eine kleine Frau, die groß herauskommen wollte, die sich mit extravaganten Kopfputz und hohen Schuhen selbst kreierte. Die "Lady with the Tutti Frutti Hat" wurde zur Werbeträgerin - ihr Konterfei prangt auf jeder Chiquita-Banane. "Bananas is my business", hat sie selbst dies kommentiert. Ein riesiger weißer Papierlampion prangt über der Bühne, ein Objekt von Louise Parador aus der "Lustgarten"-Ausstellung, das sich in seiner billigen Pracht selbst ad absurdum führt. Den Willen zum Pomp trägt auch die Inszenierung vor sich her - und bietet ein Aufgebot an halbseidenen Gestalten aus der Welt des Scheins. Acht Revuegirls von der Gruppe "The Ladies" konkurrieren mit den Sambatänzerinnen um die aufwändigste Kostümierung - vorgeführt wird eine Orgie aus wippenden Fransen, Pailetten, Rüschen, Federn, Früchten. Und die Band Oloyè spielt die alten Songs immer verschleppt.

Stefan Staudinger ist der Held, der eine Sehnsucht hat - er schifft sich ein nach Rio de Janeiro, auf der Suche nach Carmen Miranda, der fernen fremden Frau. Und trifft auf lauter blass geschminkte Barschlampen und zickige Drag Queens. Dann, nach der Pause, sind wir in einer anderen Veranstaltung. Jetzt nehmen die Brasilianer das Heft in die Hand. Der Karneval der Kulturen findet seine Fortsetzung. Trommler und Tänzerinnen führen ein Candomblé auf, ein Ritual, um mit den Göttern in Kontakt zu treten. Eine hinreißende und kraftvolle Performance - frei von aller Ironie! Nach dieser Geisterbeschwörung tritt die schwarze Sängerin Eutália de Carvalho als pfauengleiche Inkarnationen von Carmen Miranda auf - und verhaspelt sich charmant in ihrem Monolog, der den Abend auf den Punkt bringt: alles Bananas. Holger Friedrich hat versucht, von der entschwindenen Carmen Miranda noch einen Rockzipfel zu erhaschen, um sodann festzustellen: einer Idee kann man nicht unter den Rock gucken. So schlendert er ein wenig müde und kraftlos durch seinen Abend der gebremsten Heiterheit. Berlin ist nicht Rio.

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