Carrie Brownsteins Buch "Modern Girl" : Olympischer Höllenlärm

Die Gitarristin und Sängerin Carrie Brownstein erzählt in „Modern Girl“ von ihrem Leben als Mitglied der Riot-Grrrl-Band Sleater-Kinney.

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Carrie Brownstein mit einer Ausgabe von "Spin", dem ersten Musikmagazin, das über Sleater-Kinney schrieb. Foto: Benevento
Carrie Brownstein mit einer Ausgabe von "Spin", dem ersten Musikmagazin, das über Sleater-Kinney schrieb.Foto: Benevento

Im Herbst 1992 geben Nirvana ein Überraschungskonzert an einem Provinz-College im Nordwesten der USA. Die Gruppe aus Seattle ist mit ihrem „Nevermind“-Album gerade zu Weltruhm gelangt und tut bei diesem Auftritt in ihrer Heimatregion noch einmal so, als sei sie eine ganz normale kleine Rockband. Die Studierenden, die damals dabei waren, werden heute wahrscheinlich ihren Kindern davon vorschwärmen, wie Kurt Cobain einst auf ihrem Campus in Bellingham, Washington, zu Gast war.

Auch die damals 18-jährige Carrie Brownstein sah sich das Konzert an, aber sonderlich mitgerissen hat es sie nicht. In ihrer Biografie „Modern Girl. Mein Leben mit Sleater-Kinney“ widmet sie dem Auftritt gerade mal eine knappe Seite. Denn die wahre „musikalische Sternstunde“ ihrer Collegezeit ereignete sich erst später: das Konzert von Heavens to Betsy, einer der ersten Riot-Grrrl-Bands. Das Duo beeindruckt Brownstein tief: „Sie wirkten wie Bibliothekarinnen, die einen Höllenlärm veranstalteten. Und wenn man im Publikum war, hielt man verdammt noch mal die Schnauze, schließlich stand man in der Bibliothek des Rock ’n’ Roll.“

Sängerin und Gitarristin von Heavens to Betsy war Corin Tucker. Die Frau, mit der Carrie Brownstein zwei Jahre später die Band Sleater-Kinney gründen, selbst zu einer Riot-Grrrl-Ikone aufsteigen sollte und eine kurze Beziehung haben würde. Tucker wohnt in Olympia, dem damaligen Sehnsuchtsort Brownsteins. Sie ist fasziniert von der dortigen Punk- und Underground-Szene, in der Bands wie Bikini Kill, Bratmobile, Team Dresch sowie das Label Kill Rockstars den Ton angeben. Nach ihrem Umzug in die Stadt („der tristeste Ort, an dem ich je gelebt habe“) wird sie bald selbst Teil davon.

Brownstein hat das Underground-Ethos ihrer Szene verinnerlicht

In Olympia findet die entscheidende Sozialisationsphase der Gitarristin und Sängerin statt. Wie stark das Anti-Establishment-Ethos ihres Umfeldes sie prägt, veranschaulicht das Buch sehr gut. „Ehrgeiz an sich war schon Grund genug für eine Exkommunikation, zumindest löste er Skepsis aus. Um Ruhm, Geld und mediale Aufmerksamkeit zu buhlen, galt als schmutzig und schmierig. Es implizierte, dass man vom Mainstream anerkannt und gemocht werden wollte“, schreibt Brownstein. Diese Einstellung, die in den neunziger Jahren wohl zum letzten Mal mit derartiger Strenge praktiziert wurde, ist quasi in ihre DNA übergegangen. Als Sleater-Kinney nach ihrem zweiten Album das Interesse großer Labels wecken, sträubt sich Brownstein deshalb gegen einen Wechsel zu einem Major. Das Trio entscheidet sich dann doch für Kill Rockstars und quetscht sich bei Tourneen weiterhin in kleine Busse, beschäftigt keinen Manager und lässt sich nur bei PR und Booking helfen.

Sie scheut sich nicht, auch unglamourös zu wirken

Die Band, zu der als drittes Mitglied seit 1996 die Schlagzeugerin Janet Weiss gehört, macht es sich nie leicht, auch untereinander nicht. Brownstein schreibt viel über Streits, Krisen und Krankheiten, wobei sie stets mit großer Offenheit und Ehrlichkeit zu Werke geht – das gehört ebenfalls zu ihrer Punk-Ethik. Sie ist selbstkritisch, scheut sich nicht, mitunter unsympathisch oder unglamourös rüberzukommen. Groupies? Hatten wir keine. Affären auf Tour? Fehlanzeige! Ein einziges Mal landet Brownstein mit einer Frau im Bett – und dann reden die beiden erst mal stundenlang. Das ist natürlich auch lustig, doch wie schon bei der Schilderung ihrer Jugend in Remond unweit von Seattle schwingen hier viel Traurigkeit und Einsamkeit mit. Beides bekämpft sie mit der Musik und der Band, die ihr mehrmals das Leben gerettet habe, so Brownstein.

Als Bandbiografie funktioniert „Modern Girl“ deutlich besser als zum Beispiel Kim Gordons Sonic-Youth-Erinnerungen „Girl in a Band“. Denn Brownstein, die ihre Kapitel größtenteils an der Sleater-Kinney-Discografie orientiert, legt mehr Wert auf musikalische Details, erklärt etwa wie der eckig-raue Sound der Gruppe entstanden ist und was das Trio bei den jeweiligen Studioaufnahmen umgetrieben hat. 2006 kommt es zum Split, sechs Jahre später zur zunächst geheimen Wiedervereinigung. In der Zwischenzeit war Brownstein als Autorin und Schauspielerin der Hipster-Satire-Serie „Portlandia“ erfolgreich, was sie allerdings nur am Rande erwähnt. Wäre sicher ein feiner Stoff für eine Fortsetzung von „Modern Girl“.

Carrie Brownstein: Modern Girl. Mein Leben mit Sleater-Kinney. Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs. Ecowin Verlag, Salzburg 2016. 326 Seiten, 24 €.

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