Kultur : Chaos, Liebe, Energie

Ein Schlingensief-Abend der Akademie der Künste.

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Bewegend. Patti Smith in Berlin. Foto: dpa
Bewegend. Patti Smith in Berlin. Foto: dpaFoto: dpa

Ihre Gitarre musste sie in New York lassen. „Wissen Sie, es gab einen Sturm bei uns“, erzählt Patti Smith, Ehrengast beim Abend für Christoph Schlingensief in der Akademie der Künste. Also schnappt sich die Sängerin eine geborgte Gitarre und singt drei Songs für ihren verstorbenen Freund Christoph. Songs der Trauer und Melancholie wie „Grateful“. Doch dann findet Smith: „Es braucht mehr Energie“ – schließlich geht es um Schlingensief. Den Berserker, der unermüdlich seiner Vision folgte. Also legt sie die Gitarre weg und singt ihre Hymne „Because The Night“ – und das erlauchte Publikum im voll besetzten Saal stimmt in den Refrain ein. Die Schamanin Patti Smith bringt eine andere Dynamik in das Gedenken – und sprengt den Rahmen dieses Akademie-Expertengesprächs. Bei ihr ist es Liebe.

Der Anlass des Abends war die Öffnung des Schlingensief-Archivs, das nun im Besitz der Akademie der Künste ist. Der vor zwei Jahren verstorbene Künstler hat die Schenkung noch zu Lebzeiten veranlasst. Mehr als 40 Regalmeter umfasst der Bestand, der zum größten Teil aus audiovisuellen Medien besteht.

Akademie-Präsident Klaus Staeck hält gerade noch die Begrüßung durch – und muss dann ins Krankenhaus eilen, weil er sich just vor der Veranstaltung den Fuß verknackst hat. Der Maler Martin Eder und später auch Wim Wenders lesen drei Kapitel aus den soeben erschienenen Schlingensief-Erinnerungen „Ich weiß, ich war’s“. Und er nimmt sofort gefangen, dieser schnodderige Ton. In dem Kapitel „Urszene“ reflektiert Schlingensief über die Mehrfachbelichtung. Und manchmal geschieht an diesem Abend genau das: Die Auskünfte von Kollegen ergeben eine Mehrfachbelichtung des Künstlers Schlingensief.

Besonders seine Witwe Aino Laberenz, die im Gespräch mit dem Verleger Helge Malchow erläutert, wie das Buch zustande kam, gibt wertvolle Einblicke in seine Arbeitsweisen. Und sie korrigiert auch das Bild des Provokateurs. „Christoph hat sich selbst immer wieder hinterfragt“, sagt sie. Und später ruft sie aus: „Er war romantisch, kitschig und pathetisch.“ Wie unwiderstehlich Schlingensief war, wie er alle mitreißen und begeistern konnte, auch daran wird erinnert. „Er konnte alle verführen“, sagt Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm.

Man befürchtet, dass Schlingensief vereinnahmt wird. Aber immer, wenn die Gesprächsrunde auf der Drehbühne ins Akademische abgleitet, werden zum Glück kurze Filmausschnitte eingespielt. So hat etwa Fernsehjournalist Friedrich Küppersbusch zwei Beiträge Schlingensiefs für das Magazin „ZAK“ mitgebracht, „Meisterwerke der Subversion“.

Und es gibt noch einen weiteren Überraschungsfilm: Patti Smith, die über „Chaos und Holiness“ spricht und einem lachenden Schlingensief kurz auf die Sprünge hilft. Ein Chaoskünstler war er gewiss. Und es war eine wunderbare Freundschaft, die die beiden verband. Als sie in Bayreuth aufeinandertrafen, fingen beide gleichzeitig an zu reden, er auf Deutsch, sie auf Amerikanisch, erinnert sich Smith. Und dann rief Schlingensief ihr zu: „Komm mit nach Afrika!“ Sie ist ihm gefolgt und hat in dem Film „The African Twin Towers“ mitgespielt. Eine gemeinsame Sprache hatten sie nicht, doch sie haben auf einer anderen Ebene kommuniziert – das lassen die Erzählungen von Patti Smith ahnen. Christoph Schlingensief, der Geisterbeschwörer, war in solchen Momenten überaus präsent. Doch der Abend machte auch deutlich: Er fehlt. Sandra Luzina

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