Charlie Kaufmans grandioser Puppenfilm: "Anomalisa" : Im Bett mit Michael

Kann ein Abenteuer von der Stange unverwechselbar sein? Aber ja. Zum Beispiel, wenn Charlie Kaufman es als Animationsfilm namens "Anomalisa" inszeniert.

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Nähe für eine Nacht. Michael und Lisa.
Nähe für eine Nacht. Michael und Lisa.Foto: Paramount

Charlie Kaufman, 1958 in New York geboren, ist einer der ganz großen Kinogeschichtenerfinder. Als Drehbuchautor hat er den Regisseuren Spike Jonze („Being John Malkovich“, „Adaptation“) und Michel Gondry („Human Nature“, „Eternal Sunshine of The Spotless Mind“) hinreißendes Fantasiematerial geschrieben, bevor er 2008 mit „Synecdoche, New York“ begann, seine verspielten Binnenkopfwelten selber ins Bild zu setzen. Mit Krisen der Identität und der Kreativität schlagen sich seine einzelgängerischen Leinwandkreaturen aufs Unterhaltsamste herum, wobei ihnen die Grenzen zwischen Innenwelt und Außenwelt schon mal abhanden kommen; und immer treibt sie eine gleichermaßen amüsante wie anrührende Sehnsucht nach Liebe.

Auf den ersten Blick mag da die Story von „Anomalisa“, Kaufmans erster Regiearbeit seit sieben Jahren, total simpel erscheinen. Ein Abend, eine Nacht, ein Morgen, chronologisch erzählt. Ein Motivationstrainer und erfolgreicher Sachbuchautor namens Michael Stone checkt in einem Hotel in Cincinnati ein, am nächsten Tag muss er einen Vortrag halten. Mit einer verflossenen Liebe trifft er sich in der Hotelbar, die Begegnung misslingt, später lernt er zwei Call-Center-Angestellte kennen, die extra wegen seines Vortrags nach Cincinnati gereist sind. Mit einem der beiden weiblichen Fans kommt es zum One-Night-Stand, anderntags Rückkehr zu Ehefrau und Kind. Ein Allerweltsabenteuer von der Stange also, zwei Millionendutzendschicksale und ihr normierter Abstecher von der Lebenslangeweile. Warum davon erzählen?

Standardisierte Räume und Figuren

Keine Sorge, Charlie Kaufman weiß, wie man auch aus einer solchen Konstellation etwas Unverwechselbares und Unvergessliches macht. Wobei ihn schon die extreme narrative Reduktion gereizt haben mag, sein Material noch weiter zu entindividualisieren. Also besetzte er die beiden Hauptfiguren nicht etwa in einem Realfilm mit Matt Damon und Jennifer Lawrence, um zwei geschmeidig einsetzbare Durchschnittsgesichter des amerikanischen Kinos zu nennen, sondern mit Puppen. Zusammen mit Co-Regisseur Duke Johnson und einem Team von Stop-Motion-Spezialisten entwarf er einen komplett animierten Mikrokosmos aus standardisierten Figuren und Räumen, die den Normen der globalisierten Moderne perfekt nachgebildet sind. Nur dass die Puppenköpfe im Verhältnis zum Körper etwas überdimensioniert wirken – als seien die Menschen schon als Kleinkinder in ein ödes Erwachsensein gefallen und fortan darin gefangen.

Schon diese Verfremdung ins Prototypische überzieht „Anomalisa“ von Anfang an mit einer zarten Unheimlichkeit. Visuell äußert sie sich darin, dass alle Physiognomien, ob Mann oder Frau oder Kind, sich zum Verwechseln ähneln. Niemand bringt es zu einer mimischen Variationsfähigkeit, wie sie einem entwickelten Charakter entspräche; in allen Gesichtern regiert eine glatte, niederschmetternd freundliche Leere. Auch bestehen sie durchweg aus einem Stirn- und einem Kieferteil; in Augenblicken der Verwirrung wird dahinter die Mechanik seltsamer Artikulationsautomaten sichtbar. Vor allem aber begegnen dem Hotelgast Michael Stone (in der Originalversion gesprochen von David Thewlis) alle Leute mit derselben männlichen Stimme (Tom Noonan). Hört nur Michael die Menschen so sprechen, oder ist die Welt hier für alle so beschaffen, macht die Uniformität vor nichts und niemandem mehr halt?

Und dann plötzlich diese so andere Stimme

In dieser Konstellation vollendeter Konfektion auch der zwischenmenschlichen Abläufe hört Michael plötzlich eine Frauenstimme auf dem Hotelflur: Sie gehört Lisa (Jennifer Jason Leigh), der hässlicheren, schüchterneren, sich zudem fortwährend schlechtmachenden der beiden Call-Center-Frauen. Doch indem sie so anders spricht als die anderen, verzaubert sie Michael – und als sie ihm später in seinem Zimmer Cyndi Laupers „Girls Just Want to Have Fun“ vorsingt, ist er vollends hingerissen. Auch ihr Gesicht entwickelt, wie das seine, Ansätze unverwechselbarer Persönlichkeit. Ihre Stimme aber ist die entscheidende, Michael vom Lebensekel augenblicklich erlösende Anomalie.

Wie souverän, ausgerechnet im visuellen Medium Kino dramaturgisch derart auf ein akustisches Moment zu setzen! Zwar hat Kaufman den „Anomalisa“-Stoff schon vor Jahren einige Male als Soundplay (einer szenischen Lesung mit Geräuschemachern) aufgeführt; im Kinosaal aber beeindruckt die Geschichte, indem sie die substanziellen Sinne des Sehens und Hörens gleichermaßen schärft, umso mehr. Auf der Tonebene auch ereignen sich die beiden stärksten Überraschungen des Films, von denen hier nicht die Rede sein soll. Ebenso wenig wie von zahlreichen erzählenswerten Details, die jeden erwachsenen Kinobesucher mit einschlägigen Schmerz- und Glückserfahrungen in Bann schlagen dürften.

Krankengeschichte und Kasperlmetapher

Lesen lässt sich der zuletzt beim Festival in Venedig mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnete Film, der auf ein nach üblichen Maßstäben aufregendes Geschehen bewusst verzichtet, übrigens jederzeit zweifach: entlastungshalber als Krankengeschichte eines sensiblen, an seiner öffentlichen und privaten Funktion zweifelnden und leidenden Mannes in seiner Lebensmitte, wofür die schmale Story in tückischem Fleiß allerlei Beweismittel herbeischafft. Michael betrachtet den ganz normalen Kommunikations- und Ausstattungswahnsinn seiner Umgebung von Anfang an wie ein Fremder; andererseits ist er selber nur eine Puppe wie die anderen, weiter nichts.

So verweist der Film den Zuschauer, Zuhörer – oder besser: Teilnehmer – im Gewand der melancholischen Kasperlmetapher auf seine eigene Durchschnittlichkeit, die er hier, aufgelöst ins Elementare, wie im Reagenzglas besichtigen kann. Auf die Sehnsucht auch, mit der selbst der am Alltag müdestgewordene Mensch der Abweichung vom Grundrauschen entgegenlauscht. Und ihr folglich im schönsten, schlimmsten Fall sofort verfällt.

Ab Donnerstag in Berlin in den Kinos Eva, Filmkunst 66 und Kulturbrauerei; OmU im fsk, Central, FaF, Filmrauschpalast und Rollberg

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