Chilenische Zeitgeschichte im Kino : Blümchen gegen Pinochet

Werbeprofi gegen Diktator: Pablo Larraín erzählt in „¡No!“ die Geschichte der Abwahlkampagne 1988 gegen Augusto Pinochet, als Abenteuer mit vielen Originaltönen und -bildern.

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Rote schlafen fest. Werbeprofi René Saavedra (Gael García Bernal), sonst mit Werbung für Brausepulver befasst, will die chilenische Opposition unterstützen.
Rote schlafen fest. Werbeprofi René Saavedra (Gael García Bernal), sonst mit Werbung für Brausepulver befasst, will die...Foto: Piffl

Ende der siebziger Jahre hatte die Diktatur Chile fest im Griff, tausende Oppositionelle waren ermordet worden, zehntausende verhaftet, fast eine Million ins Exil getrieben. Medien und Verwaltung waren unter Pinochets Kontrolle. 1980 fühlte sich der Diktator so sicher, dass er das Volk über eine neue Verfassung abstimmen ließ und ein weiteres Referendum zur Fortsetzung seiner Amtszeit für 1988 ankündigte. Auch da trat Pinochet siegesgewiss an. Doch inzwischen hatten die Oppositionellen gelernt, dass der militante Straßenkampf vielleicht nicht die klügste Waffe gegen eine Diktatur ist. Was wäre, fragten sie, wenn man versucht, das System mit dessen eigenen Waffen zu schlagen? Wenn man die Wahl nicht boykottiert, sondern professionell nutzt, zwecks Abwahl? Der Versuch zumindest könne nicht schaden.

Pablo Larraíns „¡No!“ setzt ein, als Vertreter des oppositionellen Bündnisses mit einer ungewöhnlichen Bitte an René Saavedra (Gael García Bernal) herantreten. Der junge, politisch eher unbedarfte Werbeangestellte, sonst mit Kampagnen für Brausegetränke oder Mikrowellenherde befasst, soll die 15 Minuten Sendezeit füllen, die den Regimegegnern allnächtlich im Fernsehen zugestanden werden. René zögert, zumal sein Chef auf Regime-Seite involviert ist. Doch dann siegen die Freundschaft und der Ehrgeiz des Werbeprofis. Das Problem nur: Renés Vorlagen sehen völlig anders aus, als die Pinochet-Gegner sich das vorstellen. Statt Bildern von knüppelnden Polizisten und Folteropfern gibt es bunte Blumenwiesen, auf denen von „kommender Fröhlichkeit“ geträllert wird.

Schon mit „Tony Manero“ (2008) und „Post Mortem“(2010) hatte sich Larraín schwarzhumorig mit dem Regime beschäftigt. „¡No!“ ist weniger düster, schließlich lässt sich hier schon das Ende des Schreckens absehen. Ein Happy End gibt es dennoch nicht. Denn, und das zeigt Larraíns Film deutlich, trotz Beseitigung der gröbsten Menschenrechtsverletzungen hat das von Pinochet installierte ökonomische System den Wechsel schadlos überdauert. Und, fast noch trauriger: Die ¡No!-Kampagne hat nur deshalb funktioniert, weil sie die propagandistischen Methoden ihrer Gegner in einem Akt mimetischer Überanpassung noch übertraf. Nicht die Botschaft war anders, sondern das Marketing besser.

Im Film ist die Kampagne politische Waffe der Opposition, Untersuchungsmaterial und Metapher zugleich. Larraín nutzt die Spannung zwischen historisch korrekter Recherche und den Formeln erzählerischer Aufbereitung geschickt und befeuert die witzig erzählte David-gegen-Goliath-Geschichte mit Zitaten aus dem echten Leben. Vor allem mit Werbestücken, die ein Drittel der Filmzeit einnehmen und heute als bizarre Realsatire gruseln machen. Um sie ästhetisch zu integrieren, inszenierte Larraín den Film auch visuell im Achtziger-Jahre-Look und ließ Kameramann Sergio Armstrong auf Umatic-Videomaterial drehen. Also nicht gleich zum Vorführer rennen, wenn das Bild unscharf scheint!

Zusätzlich spielen viele damalige Akteure in Cameo-Auftritten mit, die dem Ganzen einen dokumentarischen Touch geben. Die professionellen Darsteller um Bernal und Alfredo Castro als sein Gegenspieler sind so brillant wie das auf einem Theaterstück von Antonio Skármeta beruhende Buch und die präzise Inszenierung. So hält der Film seine Zuschauer 118 Minuten unter Hochspannung, obwohl der Ausgang der Geschichte bekannt ist. Zum Oscar hat es, im Schatten von Hanekes „Liebe“, zwar nicht gereicht. Doch auch so bleibt „¡No!“ das Wunder eines unterhaltsamen und gänzlich unheroischen Politfilms, der uns mehr auch über unsere Demokratie erzählt, als wir vielleicht wissen wollen.

FT Friedrichshain, Kant, Passage; 

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