Chinesisch-deutscher Kunstaustausch in Berlin : Schritte, Stimmen, Türenknallen

Im ehemaligen Frauengefängnis Lichterfelde treffen sich derzeit 16 chinesische und deutsche Künstler zu einem Austausch. Ein Zellenbesuch.

von
Verbindungslinien. Die Künstlerin Geng Xue und ihre Installation mit blauem Band. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Verbindungslinien. Die Künstlerin Geng Xue und ihre Installation mit blauem Band.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

An den grauen Zellentüren sitzen massive Schlösser. Lichtschalter gibt es nur außen, auf dem Gang. Aber die Türen stehen offen. Das ehemalige Frauengefängnis in Lichterfelde probt seit dem Frühsommer die Metamorphose zum Kulturort. „Atelier 5“ steht in chinesischen Schriftzeichen an einer Zellentür. Seit Mitte August arbeiten hier acht chinesische und acht deutsche Künstlerinnen und Künstler.

Ausgerechnet in der ehemaligen Haftanstalt hat die umtriebige Unternehmerin Yu Zhang jedem eine Zelle zum Wohnen und Arbeiten eingerichtet. Sie selbst lebt seit über 20 Jahren in Deutschland und wirft als Chefin der Gesellschaft für Deutsch-Chinesischen kulturellen Austausch jetzt ihre ganze Power in die Sache. „Kunst gemeinsam gestalten“ heißt das Austauschprogramm, dessen Teilnehmer von einer 20-köpfigen Kuratoren-Jury geladen wurden. Von deutscher Seite sind Auswärtiges Amt, Goethe-Institut und potente Sponsoren mit im Boot. Die Künstlerinnen und Künstler selbst scheint die große Politik wenig zu jucken. Hier verfolgt jeder seine eigenen Ideen, Projekte und Pläne.

Ye Funa und Song Kun stehen im Gartenhof und plaudern. Milder Herbstwind weht durch die betagten Bäume, Klappstühle laden zum Verweilen ein. Song Kun hat flatterndes blaues Plastikband zwischen die vergitterten Fenster gewunden und im Garten verspannt. Fesselungsinstrument oder poetischer Hauch? Eine halb verblichene Schrift an der Mauer gebietet „Sprechen verboten!“. Doch gerade um miteinander ins Gespräch zu kommen, sind die Bewohner der deutsch-chinesischen Künstler-WG ja hier. Die meisten sind zwischen dreißig und vierzig, keine Newcomer, sondern Profis mit internationalem Blick. Wie ist es, hier im Knast zu wohnen? Ye Funa lacht. Die Atmosphäre der Zellen sei speziell. „Räume beobachten die Menschen, speichern sie. Hier ist es kalt. Die Künstler sollen die Räume wohl ein bisschen wärmen.“

Die Bildhauerin Katharina Lüdicke bemalt eine Zelle

Einige deutsche Teilnehmer, die ohnehin in Berlin leben, kommen nur tagsüber zum Arbeiten her, quasi Freigänger in dem 1906 erbauten Gefängnis. Gerade stromert die Berliner Bildhauerin Katharina Lüdicke mit ihrem kleinen Sohn durch den Zellentrakt und erzählt: „Ich habe in einer Zelle praktisch sofort angefangen, die Wände zu bemalen. Ob das erlaubt war?“ Dichte Schattenschraffuren mit Kohle zeichnete sie auf den vergilbten Ölanstrich, vertiefte eine Raumecke, hellte eine andere auf. Schon verändern sich die starren Konturen, weichen auf. Lüdicke konzentrierte sich anfangs so auf das Arbeiten mit dem Raum, dass sie kaum Kontakt zu den anderen Künstlern suchte. Aber sie hörte deren Geräusche: „Schritte, Stimmen, Türenknallen, alles hört man hier. Aber seltsamerweise lässt sich nicht orten, woher das Geräusch kommt.“

Auch Xu Sheng rückte seiner Zelle als Bildhauer zu Leibe. Er baute die engen Raumgrenzen mit Holzlatten nach, die er dann zersägte und mit Scharnieren versah. Nun lässt sich der klaustrophobische Raum zur handlich-konstruktivistischen Skulptur zusammenklappen. Die übermächtige Atmosphäre des Bauwerks diffundiert in viele hier entstehende Arbeiten hinein. Aber belastend scheint das Ambiente nicht zu wirken. Die „Insassen“ gehen entspannt ein und aus, frühstücken manchmal zusammen, verabreden sich zu Ausstellungsbesuchen und machen die Zellentür zu, wenn sie wollen.

Während der Berlin Art Week im September stemmten sie bereits eine improvisierte Preview-Ausstellung mit Einzelinstallationen in den Zellen. Viel Videos und Objekte waren da zu sehen. Malerei, wie sie Bettina Marx im wandhohen Format zu komplexen Strukturen verwebt, blieb die Ausnahme. Die Chinesin Song Kun hatte das experimentelle Schnittmaterial für ihr Video „Body Control“ bereits bei ihrer Anreise im Gepäck. Es kreist um Schönheitsideale, Körperbilder, Kontrollsysteme also, die sie jetzt mit Handschellen und Ketten an den hiesigen Ort andockte.

Quietschbunte Assemblagen breiten sich aus

Ye Funa fand ihr Material auf Berliner Flohmärkten. In flirrenden, glitzernden, quietschbunten und absurd-poetischen Assemblagen breitet es sich nun im Zellentrakt aus: Hier ein Puppenbein, da ein Schaumstoffgebiss, ein Plastikschmetterling und irgendwo mittendrin eine Überwachungskamera. Sich selbst und die Mitstipendiaten beobachtet die Künstlerin im Dauer-Livestream, mixt Blicke, Alltagsverrichtungen, Gesten zum visuellen Cocktail. „In China ist das unheimlich beliebt, viele normale Leute filmen ihren Alltag und stellen das ins Netz.“ Ye Funa überdreht das ins Schräge, leicht Surreale. Berlin und Peking seien gar nicht so unterschiedlich, findet sie.

Auf die Idee, Mediennutzungsgewohnheiten aufzugreifen, kam während des Austauschs auch Melanie Bisping. Sie zeichnet die Fingerbewegungen, die man auf dem Touchscreen beim Scrollen oder beim Eintippen einer Pin macht, digital auf und macht sie als Farbspur sichtbar. Auf große Glasscheiben ausgedruckt, wirken die Bewegungsmuster wie abstrakte Schriftzeichen. Ob das mit China zu tun hat? Darüber hat sie noch gar nicht nachgedacht. „Vielleicht bin ich darauf gekommen, weil wir alle ständig auf dem Smartphone herumspielen.“

Das Wasser stammt aus einer Krokodilzucht

Unterschiede oder Ähnlichkeiten zwischen deutschen oder chinesischen Künstlern festzustellen, lehnt Markus Hoffmann ab. Das sei heutzutage irrelevant. Statt sein Knastatelier zu nutzen, lud er die ganze Belegschaft zum Klassenausflug in sein großes Berliner Atelier, um seine Ansätze zu diskutieren. Ihn interessiert China auf einer ganz anderen Ebene: „Da lagern die Seltenen Erden, oft zusammen mit radioaktivem Material.“ Wie sich Geologie, Biologie und Politik durchdringen, verfolgt Hoffmann seit Längerem mit naturwissenschaftlicher Akribie und assoziativem Eigensinn. Phänomene an der Grenze der Wahrnehmung: Er stößt eine Sanduhr an, in der grünlich-trübe Flüssigkeit schwappt. „Das Wasser stammt aus einer Krokodilzucht. Es wurde mit der Abwärme eines AKWs temperiert. Natürlich sind Spuren von Radioaktivität darin.“

Tan Tian erkundet eher die Untiefen der deutschen Geschichte und unseres Umgangs damit. Ein Besuch im Centrum Judaicum gab den Anstoß. Dem Künstler fiel auf, wie stark die Deutschen auf NS-Zeit, Fragen von Schuld und Political Correctness fixiert sind und befragte seine deutschen Künstlerkollegen dazu. Als Ergebnis entstand seine Installation in der ehemaligen Gefängniskapelle. Der Besucher wird auf Deutsch angesprochen: „Ist es korrekt? Ist es inkorrekt?“ Gefangen sein kann man auch in starren Denkschemata.

Was die 16 Künstler in ihrer zweimonatigen Berliner Zeit sonst noch geschaffen haben, ist dieses Wochenende zu besichtigen. Bei den „Open Studios“ kann man sie in den Zellen besuchen. Und im nächsten Frühjahr geht das Projekt in die zweite Phase. Dann fliegen die acht deutschen Teilnehmerinnen nach Peking.

Ehemaliges Frauengefängnis Lichterfelde, Söhtstr. 7, Open Studios, 7.10. ab 18 Uhr, 8./9.10., 11–21 Uhr

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben