Christian Krachts neuer Roman : Im Zeichen der Kokosnuss

Christian Kracht spürt mit seinem Roman „Imperium“ deutschen Kolonialsehnsüchten nach. Es ist die Geschichte des August Engelhardt, ein weiterer Vertreter im Krachtschen Kosmos, in dem Zvilisierte auf "exquisite" Barbaren stoßen

Jörg Magenau
Der 1966 geborene Autor Christian Kracht.
Der 1966 geborene Autor Christian Kracht.Foto: Verlag

August Engelhardt war nicht einfach nur Nudist und Vegetarier. Er glaubte an die Kokosnuss, die er für die Krone der Schöpfung und den Stein der Weisen hielt. Also zog er aus, sein Leben der göttlichen Frucht zu weihen. Die Kokosnuss war ihm heilig, da sie so weit oben wuchs, dem Licht so nah, und alles Leben sich doch aus dem Licht speist. Deshalb hielt er auch das Gehirn für das edelste Organ, das seine Energie direkt über die Haare aus der Sonne saugte – genau wie die behaarte Frucht der Kokospalme.

August Engelhardt war, so könnte man sagen, ein Messias des Solarzeitalters, lange bevor es Solarmodule gab. Das deutsche Kaiserreich war ihm zu eng und zu fleischfressend. Also bestieg er am Beginn des 20. Jahrhunderts ein Schiff und reiste nach Deutsch-Guinea im Pazifik. In der Kolonie Neupommern erwarb er eine Kokosplantage, um fürderhin unter Menschenfressern als Kokovorist zu leben und nichts anderes als Kokosnüsse zu sich nehmen zu müssen. Fotos zeigen einen langhaarigen, bärtigen, sehr mageren Mann mit einem Tuch um die Hüften: eine messianische Gestalt.

Diesen August Engelhardt aus Nürnberg gab es wirklich, auch wenn sich seine Lebensgeschichte wie eine ins Absurde überdrehte Satire auf bizarre Aussteiger späterer Hippiedekaden und ihre jeweiligen Erlösungsfantasien liest. Erst vor einem Jahr hat der Autor Marc Buhl einen wenig beachteten Roman über Engelhardt geschrieben; jetzt hat auch Christian Kracht, Spezialist dafür, in tragischer Historie das Komische aufzuspüren, diesen Stoff für sich entdeckt. Im Zeichen der Kokosnuss spürt er dem „Imperium“ nach – den deutschen Kolonialsehnsüchten, die, so stellt er das dar, doch von vornherein nicht mehr als ein groteskes, zum Untergang verurteiltes Laienschauspiel hervorgebracht haben. In der Konfrontation von Zivilisierten und „exquisitester Barbarei“ erweisen sich bei ihm die Menschenfresser zumindest als die größeren Humoristen, wenn sie das Ohr eines Missionars kunstvoll knusprig rösten.

In seinem vorigen Roman „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ hatte Kracht eine von Lenin regierte Schweizer Sowjetrepublik ins Zentrum Europas gestellt und von dort aus einen alternativen Geschichtsverlauf entworfen. In „1979“ hatte er einen an Langeweile leidenden Dandy aus den iranischen Revolutionswirren in ein fiktives Konzentrationslager in der Wüste expediert und Würmer fressen lassen, als wäre Geschichte ein großes Dschungelcamp. Sein Debüt „Faserland“ beschrieb 1995 die Wohlstandsverkommenheit einer gelangweilten Party-Szene der Gegenwart. Das war der Ausgangspunkt seiner Reise in die Abgründe der Geschichte, die er aus Versatzstücken der Totalitarismen des 20. Jahrhunderts spielerisch und rein fiktiv neu zusammenfügte.

In „Imperium“ ist er nun noch weiter zurückgegangen und endlich bei der Realgeschichte gelandet. Er kann sie, mit einigen Ausschmückungen, so nehmen, wie sie ist, denn Absurderes als die Wirklichkeit lässt sich nicht erfinden. Christian Kracht erzählt Kolonialgeschichte als Abenteuerroman, als handle es sich um eine Seefahrergeschichte von Melville oder von Joseph Conrad. Doch sein Genre ist die Parodie. In diesem Fall schreibt sie sich fast von allein. Es ist allzu einfach, einen Kokosnussanbeter als lächerliche Figur vorzuführen.

1 Kommentar

Neuester Kommentar