Christian Schwarm : Showroom im Netz

Sammler von morgen: Christian Schwarm spricht mit dem Tagesspiegel über sein Internetportal "Independent Collectors".

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Weckruf. Auch dieses Bild Marcel van Edens („Ohne Titel“) hat Christian Schwarm ins Internet gestellt. Foto: Schwarm

Herr Schwarm, wie reagieren die Sammler in Ihrem Internetportal „Independent Collectors“ auf die Krise. Melden sich die ersten ab?



Nein. Unsere Nutzerzahlen steigen. Allein in den letzten vier Wochen gab es 239 neue User. Obwohl wir viele ablehnen, wenn sie Nichtsammler sind. Künstler zum Beispiel, die für sich werben wollen. Aktuell haben wir 1195 Mitglieder aus 61 Herkunftsnationen.

Weshalb haben Sie ein Netzwerk für Sammler im Internet gegründet?


Weil ich mit dem Sammeln angefangen habe und schnell auf diesen Missstand gestoßen bin: Man lernt Galeristen und Künstler kennen, andere Sammler aber nicht. Im Internet habe ich vergeblich nach einer Plattform für Sammler gesucht. Dann ist die Idee gereift, so etwas selber zu machen. Wir haben als Trio begonnen und sind heute die Geschäftsführer von „Independent Collectors“.

Was bieten Sie Sammlern?

Wichtig ist die Authentizität, mit der unsere Mitglieder untereinander kommunizieren. Vor ein paar Wochen hatten wir ein erstes tolles Angebot: 20 VIP-Packages von der Art Rotterdam. Dafür gab es so viele Rückmeldungen, dass wir nicht alle berücksichtigen konnten.

Wie viele Sammlerinnen sind unter Ihren Nutzern?


Vier von zehn Mitgliedern sind weiblich. Zwei Drittel unserer User sind namentlich sichtbar, das restliche Drittel bleibt auf eigenen Wunsch anonym. In der Rubrik „Artworks und Storage“, also den hochgeladenen Kunstwerken, sind im letzten Monat über 600 Arbeiten hinzugekommen. Ausstellungen, die bei uns im Netz sichtbar sind, haben sich in derselben Zeit von 272 auf 340 erhöht. Die Leidenschaft vieler Sammler ist also in keiner Weise von der Krise berührt.

Ist sie denn ein Thema?


Es gibt seit neuestem ein Diskussionsforum. Das Angebot wird angenommen, aber langsam. Wir haben eine relativ hohe Zahl von Mitgliedern, die zwar häufiger im Internet sind. Eine Community, in der man sich vernetzen und miteinander diskutieren kann, ist für viele allerdings etwas völlig Neues.

Aus welchen Gründen melden sich die Sammler dann an?


Es geht es um die Suche nach anderen Sammlern in derselben Stadt oder nach Künstlern, für die man sich gemeinsam interessiert. Außerdem möchten viele Sammler im Netz Ausstellungen mit ihren Arbeiten präsentieren. Nicht jeder hat einen realen Schauraum wie Wilhelm Schürmann oder Axel Haubrok.

Und warum zeigt man sich gegenseitig seine Kunst?


Ein Ziel von „Independent Collectors“ ist es, die Kunst wieder sichtbar zu machen. Der größte Teil der zeitgenössischen Arbeiten geht ja in private Sammlerhände und ist damit der Öffentlichkeit entzogen. Wir möchten, dass diese Arbeiten nicht nur auf den Websites der Galerien stehen oder in Bildarchiven auffindbar sind. Es soll auch deutlich werden, in welchem Kontext sie gesammelt werden. Ich bin gegen jedes Schaulaufen, auch wenn ich das bei manchem Mitglied nicht ausschließen kann.

Die Sammler teilen sich der Community also durch ihre Bilder mit.


Ja, sie können aber nicht nur sich selbst als Person im Netz unkenntlich zu machen, sondern auch ihre Ausstellungen durch ein Passwort schützen, das nur ausgewählte Freunde kennen.

Warum ist Anonymität so wichtig?


Wir haben ein paar sehr große Sammler auf der Site, die anonym bleiben und trotzdem Teil der Community sein möchten. Das akzeptieren wir. Insgesamt werden die Vorbehalte kleiner. Inzwischen haben zwanzig Prozent unserer Nutzer Kunstwerke eingestellt.

Läge es nicht näher, den Namen eines jungen, vielversprechenden Künstlers erst einmal für sich zu behalten?

Die Sammler junger Künstler sind in der Regel deren größte Förderer. Sie möchten ihre Entdeckerfreude teilen. An die Stelle eines veralteten Konkurrenzdenkens tritt heute eher der Wunsch, ein Talent publik zu machen. Selbst eine Spürnase Wilhelm Schürmann hat keine Probleme, viele seiner Neuerwerbungen schnell im Netz auszustellen.

Wie finanziert sich „Independent Collectors“?

Wir müssen bis Ende 2009 nichts einnehmen. Unsere drei Firmen haben ihre Arbeit eingebracht, und der Unternehmer Matthias Nixdorf hat einen gewissen Betrag in das Projekt investiert. Er ist im Beteiligungsgeschäft und hat selbst mit dem Sammeln begonnen. Nixdorf sieht „Independent Collectors“ nicht als klassische Investition, sondern findet das Vorhaben vor allem spannend. Und er hat wie viele junge Sammler schon einige schlechte Galerie-Erlebnisse hinter sich.

Nämlich?


Man geht in eine Galerie und wird stumm gemustert. Das ist nicht immer so, doch gibt es eine arrogante Haltung, die abgelöst gehört. Deswegen haben wir ein internationales „Gallery Rating“ auf unseren Seiten.

Wie sieht die langfristige Perspektive aus?

Wir sind eine Online-Plattform, wollen aber für unsere Mitglieder mehr Berührungspunkte im echten Leben schaffen. Zum Artforum 2008 hatten wir das erste Independent-Collectors-Dinner organisiert und gemerkt, wie wichtig unseren Mitgliedern „real life“-Veranstaltungen sind. Nun kommen Kooperationen mit Kunstmessen wie der Art Cologne. Sämtliche Basisfunktionen bei Independent Collectors sollen kostenfrei bleiben, solche Zusatzangebote aber zahlenden Mitgliedern vorbehalten sein. Der Beitrag wird um 15 Euro monatlich betragen. Und wir möchten mit Sponsoren arbeiten. Wobei auch hier gilt, was wir bei der Anmeldung versprechen: Die privaten Daten unserer Sammler sind uns heilig.

Das Gespräch führte Christiane Meixner.

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