Christoph Schröder über das Leben eines Schiedsrichters : Ein Mann zeigt Rot

Psychogramm des Fußballs und Liebeserklärung an den Amateurfußball: Christoph Schröder erzählt in dem Buch "Ich Pfeife" aus seinem Schiedsrichterleben.

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Gehört nie ganz dazu, macht aber immer mit. Der Literaturkritiker und Schiedsrichter Christoph Schröder, 41.
Gehört nie ganz dazu, macht aber immer mit. Der Literaturkritiker und Schiedsrichter Christoph Schröder, 41.Foto: Marijan Murat

Schiedsrichter im Amateurfußball sind allerlei Zumutungen ausgesetzt. Das fängt schon mit den Kabinen für die Schiedsrichter an. Oft ein winziges Kabuff, in dem von der Waschmaschine bis zum Schrank mit den Bällen noch all das untergebracht werden muss, was woanders keinen Platz mehr gefunden hat. In der Kabine von Christoph Schröder, der seit mehr als einem Vierteljahrhundert als Schiedsrichter im hessischen Amateurfußball unterwegs ist, stand einmal das einzige Festnetztelefon des Vereins. Nach dem Spiel klingelte es in einem fort, weil die Mitarbeiter der regionalen Zeitungen die nötigen Informationen für ihre kurzen Berichte brauchten: Endstand, Torschützen, besondere Vorkommnisse. Irgendwann hatte Schröder genug von der ständigen Bimmelei, er nahm den Hörer ab, diktierte die Torschützen und hob noch die besonders gute Leistung des Schiedsrichters hervor. Am nächsten Tag konnte er dann in der Zeitung lesen, wie herausragend er gepfiffen hatte. „Das kann man ja auch mal schreiben“, hatte der Journalist am Telefon gesagt.

Für Nichtschiedsrichter sind Schiedsrichter „schrullige Menschen, Exzentriker, Wichtigtuer sogar“

Mit der zunehmenden Eventisierung des Fußballs ist auch der Markt für Fußballbücher regelrecht explodiert. Doch so, wie der Schiedsrichter im Fußball allenfalls als notwendiges Übel gesehen wird, so ist auch das Spezialgebiet „Schiedsrichterei“ in der Fußballliteratur bisher ein wenig zu kurz gekommen. Das allgemeine Bedauern darüber dürfte sich in engen Grenzen halten. Christoph Schröders Buch „Ich Pfeife!“ trägt jedoch erheblich zur Aufwertung des bisher vernachlässigten Genres bei. Es ist, so viel lässt sich schon jetzt sagen, ohne Zweifel eines der besten Fußballbücher des Jahres. Schröder, im Hauptberuf Literaturkritiker (unter anderem für den Tagesspiegel), war 14, als er Schiedsrichter wurde – „und ich hatte keine Ahnung, was es für mein weiteres Leben bedeuten würde“. In der sozialen Achtung oder besser: Ächtung bewegen sich Schiedsrichter auf dem Niveau von Leichenwäschern, Politessen und S-Bahn-Kontrolleuren. Für Nichtschiedsrichter sind Schiedsrichter „schrullige Menschen, Exzentriker, Wichtigtuer sogar“, schreibt Schröder.

Wer sich als Schiedsrichter zu erkennen gibt, stößt auf breites Unverständnis und sieht sich latent mit der Frage konfrontiert, was in seinem Leben schief gelaufen sei. Oder: „Muss man da nicht ein Masochist sein und ein Sadist vielleicht noch dazu?“ Schröder, so wie man ihn in seinem Buch kennenlernt, scheint weder das eine noch das andere zu sein; er kommt auch nicht besonders schrullig oder exzentrisch daher, und wichtigtuerisch schon gar nicht.

Christoph Schröders Buch ist auch ein bisschen Heimatroman

Der allgemeinen Geringschätzung für seine schlecht bezahlte Nebentätigkeit begegnet Schröder mit gesunder Selbstironie. „Es ist die Haltung des etwas beiseite Stehenden, das Geschehen vom Rand her Betrachtenden. Die eines Menschen, der nicht ganz dazugehört und doch mitmacht“, schreibt er über sich und sein seltsames Hobby. „Ich weiß bis heute nicht, ob Souveränität oder mangelndes Talent mich in diese Position gebracht haben: Ich wurde kein Fußballspieler, sondern Torhüter und dazu Schiedsrichter. Ich wurde kein Schriftsteller, sondern Kritiker. Adorno hätte dafür wahrscheinlich eine Formulierung gefunden wie: immer ganz knapp am Eigentlichen vorbei.“

Schröder verwebt eigene Erfahrungen mit dem großen Fußball. Er kann formulieren, hat Witz. Nicht zuletzt vermag er die Dinge auf den Punkt zu bringen: „Viel interessanter als die Frage, warum man Schiedsrichter geworden ist, ist die, warum man es auch geblieben ist.“ Sein Buch vermittelt eine Ahnung davon: Schröder beantwortet Fragen, die sich der normale Fußballfan (und damit Schiedsrichterhasser) vermutlich nie gestellt hätte.

Und trotzdem: „Ich Pfeife“ ist keine mitleidheischende Betroffenheitsliteratur: Schröder zeichnet ein Psychogramm des Fußballs, sein Buch ist auch ein bisschen Heimatroman – vor allem aber ist es eine Liebeserklärung an den Amateurfußball, wie es ihn längst nicht mehr gibt. An Kreisligaspiele, die noch ganze Dörfer mobilisierten. An holprige Äcker, halb markiert und schlecht gemäht, Spielfelder in Trapezform. Und an Originale auf und neben dem Platz. Inzwischen ist auch der Amateurfußball nur noch Abklatsch, Imitation dessen, was Woche für Woche in der Champions League zu sehen ist. Wenn die Sportschau eine besonders ausgeklügelte Jubelchoreografie zeigt, finden sich mit Sicherheit schon die Woche darauf erste Nachahmer auf der Bezirkssportanlage in Ober-Abtsteinach.

Nichts sei schlimmer als der Satz, dass früher alles besser gewesen sei, schreibt Schröder. Wahrscheinlich war es das nicht. Aber es war wenigstens anders.

Christoph Schröder: Ich Pfeife. Aus dem Leben eines Amateurschiedsrichters. Tropen Verlag, Stuttgart 2015. 200 Seiten, 16, 95 €.

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