Kultur : City Lights: Gustav Fröhlich zum 99.

Frank Noack

Das Leben ist ungerecht. Man denke etwa an die Behandlung der Schauspieler Heinz Rühmann und Gustav Fröhlich: Beide stehen für Kontinuität im deutschen Film, haben in der Weimarer Republik erste Erfolge gefeiert, setzten ihre Karriere im Dritten Reich fort und waren bis ins hohe Alter im Fernsehen präsent. Der Unterschied: Heinz Rühmann hat bis 1938 zu seiner jüdischen Ehefrau Maria Bernheim gehalten, von der er 1933 längst getrennt lebte. Gustav Fröhlich hat sich von seiner jüdischen Ehefrau Gitta Alpar sofort nach Hitlers Machtantritt getrennt. "Mein Mann war der Erste, der mir einen Tritt gegeben hat, obwohl ich schwanger war", erinnerte sie sich.

Und wer von den beiden wird noch heute als Opportunist attackiert? Heinz Rühmann, den Maria Bernheim nach 1945 bei jeder Gelegenheit verteidigt hat. Gustav Fröhlich dagegen wird im Arsenal eine kleine Filmreihe gewidmet, womöglich zum unrundesten Geburtstag der Welt - Fröhlich wäre am 21. März 99 Jahre alt geworden. Immerhin bekommt man so am Dienstag eine Rarität zu sehen: Ludwig Bergers Der Meister von Nürnberg (1927), über die unerwiderte Liebe des alten Dichters Hans Sachs (Rudolf Rittner) zu einer Goldschmiedstochter (Maria Solveg, später als Maria Matray eine bekannte Drehbuchautorin). Fröhlich spielt den jungen Mann, mit dem Hans Sachs konkurrieren muss, und in einer Nebenrolle gab der 27-jährige Veit Harlan sein Debüt.

Heimlicher Star des Films ist der Architekt Rudolf Bamberger, über den die Filmhistorikerin Lotte H. Eisner schrieb: "In Bambergers Filmen atmete wirklich Kultur. Sie waren keine sogenannten Postkarten-Ansichten. Unendlich beschwingt und geradezu musikerfüllt wachsen Dome und Statuen auf, leben vor unseren Augen". Bamberger wurde 1945 in Auschwitz ermordet. Sein Bruder, Regisseur Ludwig Berger, konnte mit Hilfe gefälschter Papiere überleben.

Auch die Schauspielerin Camilla Spira hat Glück gehabt. Sie war bereits im Durchgangslager Westerbork interniert, als ihre Mutter Lotte Spira sie mit einer Notlüge rettete. Camilla sei gar nicht die Tochter des Juden Fritz Spira, sondern das Ergebnis eines Seitensprungs mit einem "Voll-Arier". Dass ihr geglaubt wurde, verwundert nicht, denn die dralle, blonde Camilla Spira sah fast schon wie die Karikatur einer Germanin aus. Bevor sich ihre Auftritte auf den Jüdischen Kulturbund beschränkten, hatte sie noch in Fritz Langs Das Testament des Dr. Mabuse (1933) mitgewirkt. Der legendäre Bösewicht (Rudolf Klein-Rogge) sitzt hier in der Irrenanstalt, aber selbst so gelingt es ihm, in Deutschland eine Stimmung von Terror und Chaos zu verbreiten. Kein Wunder, dass der Film von der NS-Zensur verboten wurde (Klick, Freitag bis Sonntag).

Im Gegensatz zu Ludwig Berger und Camilla Spira musste Julie Christie nur auf der Leinwand ums Überleben kämpfen. In David Gladwells Memoiren einer Überlebenden (1981), die Vorlage war der zivilisationskritische Roman von Doris Lessing, flieht sie aus der unerträglichen Außen- in eine Phantasiewelt. Gladwells Werk gehört zur Reihe jener düsterer Endzeit-Filme, die damals infolge der weit verbreiteten Angst vor einem Atomkrieg entstanden sind (Babylon Mitte, Mittwoch).

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