Classic Open Air : Teufelsreiter

Gutes Wetter, gute Laune: Das „Classic Open Air“ mit Cameron Carpenter, Nadja Michael und dem Konzerthausorchester.

Tomasz Kurianowicz
Cameron Carpenter gibt alles!
Cameron Carpenter gibt alles!Foto: Björn Schmidt

Beim „Classic Open Air“-Festival am Gendarmenmarkt könnte das Wetter kaum besser sein. Die Vögel zwitschern, die Abendsonne scheint, der Himmel ist wolkenlos. Kein Wunder, dass der quickfidele Dirigent Kristjan Järvi das Freilicht-Konzert in bester Laune eröffnete, mit George Gershwins „Ein Amerikaner in Paris“. Järvi springt, gestikuliert, tanzt und tobt – und reißt das Konzerthausorchester mit. Da stört es nicht einmal, dass unvorhergesehene Dinge geschehen: Als sich nämlich der Violinist Ray Chen auf die Bühne gesellt und die ersten Takte von Bruchs „Schottischer Fantasie“ virtuos anklingen lässt, beginnt die Alarmanlage eines umstehenden Autos zu tröten. Egal! Sowohl Solist als auch Orchester lassen sich nichts anmerken und liefern eine hochromantische Performance ab, die nachhaltig begeistert.

Nach der Pause tritt Cameron Carpenter auf, der Organist mit dem Irokesenschnitt, mittlerweile einer der Stars der Klassikszene. Der 35-jährige, seit 2010 in Berlin lebende Amerikaner hat seine Reiseorgel mitgebracht, die er wie ein Wahnsinniger bespielt. Für seine schrillen Auftritte hat Carpenter bereits Grammy- und Echo-Preise geerntet und man muss zugeben: völlig zu Recht. Bernsteins Ouvertüre „Candide“, von Carpenter eigens für Orgel bearbeitet, ähnelt einem kuriosen Teufelsritt. Jede Nuance, jeder dramaturgische Knalleffekt, jede dynamische Wendung kommen schnell und pointiert zum Ausdruck.

Am Ende ist das Konzerthausorchester der Star des Abends

Auch die Toccata von Samuel Barber, nun gemeinsam mit dem Konzerthausorchester dargeboten, erklingt als kongeniale Mischung aus Tempo und Virtuosität. So könnte der Abend weitergehen, wäre da nicht der Auftritt von Nadja Michael. Zwar trägt die Sopranistin ein wunderschönes Ballkleid und setzt auch gestisch die Akzente einer veritablen Diva. Aber in den Tiefen – gerade in Bernsteins „Somewhere“ aus der West Side Story – erreicht sie nicht immer die stimmliche Sicherheit, die man eigentlich von ihr gewohnt ist. Die Lorbeeren des Abends gehören dem Konzerthausorchester: Zum Abschluss präsentiert es Ravels „Boléro“ mit einer Genauigkeit und Stilsicherheit, die einen fast vergessen lässt, dass hier viele hundert Menschen den Gendarmenmarkt bevölkern. Frenetische Bravo-Rufe aus allen Richtungen.

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