Clint Eastwoods Musicalverfilmung "Jersey Boys" : Die Sopranissimos

Zuckerfrei: Clint Eastwood zeichnet in der Musicalverfilmung „Jersey Boys“ die Geschichte der Four Seasons nach.

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Uhuhu. Frankie Valli (John Lloyd Young, v. l.), Tommy DeVito (Vincent Piazza), Nick Massi (Michael Lomenda) und Bob Gaudio (Erich Bergen) sind The Four Seasons.
Uhuhu. Frankie Valli (John Lloyd Young, v. l.), Tommy DeVito (Vincent Piazza), Nick Massi (Michael Lomenda) und Bob Gaudio (Erich...Foto: dpa

Erstens: Alles im Leben hat seinen Preis. Das weiß keiner besser als der alte Westerner Clint Eastwood. Zweitens: Ruhm ist relativ. Clint Eastwood bändigt ihn seit mehr als 50 Jahren als Schauspieler, Regisseur, Produzent, ohne ihm je erlegen zu sein. Drittens: Nur die Musik ist ewig. Clint Eastwood ist Musiker, Sänger, Komponist, Musikfilmregisseur. Da kann das in seiner edel anzuschauenden, aber auch ein bisschen betulichen Musicalverfilmung „Jersey Boys“ nur die Erkenntnis am Ende des Tages sein.

New York Ende der Fünfziger, erste Einführung in die unbarmherzigen Regeln des Musikgeschäfts: „Was wollt ihr“, pfeift ein genervter Musikagent die beiden Jungs an, die bei ihm Klinkenputzen gegangen sind. Sie seien die Band Four Lovers und hätten ein Demo geschickt, stammeln Sänger Frankie Valli und Songschreiber Bob Gaudio. „Die Four Lovers sind schwarz!“, blafft der Mann zurück. „Aber wir sind die Four Lovers“, versichern die Milchbubis, deren Gesang später Doo-Wop heißen wird. „Kommt zurück, wenn ihr schwarz geworden seid!“, bellt der Mann und haut ihnen die Tür vor der Nase zu.

Im brummenden Bienenstock

So geht es zu im legendären Brill Building, das Synonym für einen ganzen Popmusikstil geworden ist. Ein von Glücksversprechen und Geschäftemacherei nur so brummender Bienenstock und filmisches Symbol für die Unwahrscheinlichkeit des Ruhms. Mehr als 150 Musikverlage sitzen hier Anfang der Sechziger, als The Four Seasons dann ihren Durchbruch schaffen. Deren Bandgeschichte erzählt der jetzt Film gewordene Broadway-Erfolg „Jersey Boys“. Dass die italienischstämmigen Vorstadtjungs um den Falsett singenden Friseur Frankie Valli es überhaupt schaffen, zur populärsten Popgruppe vor den Beatles aufzusteigen, hat auch mit guten Kontakten zu tun. Zum örtlichen Kunstförderer nämlich. Dem von Christopher Walken einmal mehr als knallharter, aber tränenseliger Gentlemanganove angelegte Mafiapate von New Jersey, Gyp DeCarlo, dessen Name man schon aus der Vita Frank Sinatras kennt.

Die Titelrolle im Drama um den mit Neid, Verrat, Verletzungen und einem finalen Zerwürfnis verminten Aufstieg der Four Seasons spielt der Kino-Nobody Lohn Lloyd Young, der am Broadway dafür einen „Tony“ bekam. Musikalisch eine gute Wahl für die live gesungenen Songs wie „Big Girls Don’t Cry“, „Can’t Take My Eyes Off You“ oder den ersten Disco-Hit überhaupt „December, 1963“, besser bekannt als „Oh, What A Night“. Darstellerisch bleiben Young und die anderen Bandmitglieder blass, auch wenn Eastwood mit dem Kniff, immer wieder einen der Jungs die gerade erlebte Szene direkt in die Kamera kommentieren zu lassen, Unmittelbarkeit herzustellen versucht. Ausnahme ist der charismatische Erich Bergen in der Rolle des Songschreibers Bob Gaudio, der zu klug ist, um Kleinkrimineller zu sein. Frauen kommen in der Musikerelefantenrunde – wie schon in Eastwoods Charlie-Parker-Biopic „Bird“ – naturgemäß nur am Rande vor. Als Deko oder den Drogen und der Frustration anheimfallende Ehefrauen und Töchter egomanischer Stars.

Musikfilm ohne Melancholie

Übrigens ist „Jersey Boys“ kein Musicalfilm, sondern ein Musikfilm geworden. Ausstattungsprall, melodiensatt und choreografienfrei, mal abgesehen von der – wie das Video zum Film wirkenden – Tanzsequenz zum Abspann. Dabei machen der von Kameramann Tom Stern in einem noblen Porzellanton gehaltene Retrolook und vor allem die kulissenhaften Bauten – sei es beim Bandauftritt auf einer Kirmes, sei es bei einem in einer Slapstickszene mündenden nächtlichen Panzerschrankklau – Lust auf die charmanten, ungleich naiveren Musicalfilme der Fünfziger. Einziges Zugeständnis des Lakonikers Eastwood in seiner zucker- und melancholiefreien Betrachtung des amerikanischen Musikbusiness.

Babylon Kreuzberg, Cinemax Potsdamer Platz, Cinestar Sony Center, Kant, Colosseum; OmU: FT Friedrichshain, Hackesche Höfe, Kulturbrauerei, Odeon

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