Comic und Politik : „Die Freiheit hat ihren Preis“

Sein Buch "Metro" war in Ägypten verboten. Dann kam die Revolution. Jetzt erscheint der Band in einer deutschen Ausgabe. Ein Gespräch mit dem ägyptischen Comicautor Magdy al-Shafee über Mubarak, Zensur und die Wahlen.

Am Scheideweg. Eine Szene aus dem in Ägypten verbotenen Buch „Metro“. Fotos: Edition Moderne, Moritz Honert
Am Scheideweg. Eine Szene aus dem in Ägypten verbotenen Buch „Metro“. Fotos: Edition Moderne, Moritz Honert

Herr al-Shafee, Ägyptens ehemaliger Präsident Hosni Mubarak wurde gerade zu lebenslanger Haft verurteilt. Sie haben 2011 auf dem Tahrir-Platz demonstriert. Wie haben Sie das Urteil aufgenommen?

Es ist genau das eingetreten, wovor ich Angst hatte. Mubarak ist fraglos ein Verbrecher, der das Leben von Millionen Menschen zerstört hat. Mit seiner Verurteilung sollen jetzt jedoch vor allem die Massen beruhigt werden. Wir wollten etwas anderes mit der Revolution, nämlich Gerechtigkeit. Ich glaube nicht, dass es gerecht ist, wenn gleichzeitig viele Generäle und andere freikommen, die für die Unterdrückung unter Mubarak mitverantwortlich waren. Das Militär hat immer noch die Kontrolle in Ägypten, deshalb erfüllen mich die Ereignisse mit Bitterkeit.

Das klingt nicht sehr optimistisch.

Wir haben nur die Wahl zwischen zwei Übeln: Die Muslimbrüder werden aller Wahrscheinlichkeit die anstehende Wahl gewinnen, weil sie eine Geschichte zu erzählen haben. Sie vermischen Religion mit Emotionen, und dass sie unter Mubarak ebenfalls unterdrückt wurden, verschafft ihnen Sympathie. Was aber hat Ahmed Shafik zu erzählen, ihr Gegner in der Stichwahl und Mubaraks letzter Premierminister? Dass er gierig ist und uns noch einmal bestehlen will? Wer gegen das alte Establishment protestieren will, wird die Muslimbrüder wählen.

In Ihrem Comic „Metro“, der unter Mubarak verboten wurde und jetzt auf Deutsch erscheint, erzählen Sie von Korruption und Alltagsfrust im vorrevolutionären Ägypten. Wurde das Buch von der Geschichte überholt?

Das Buch macht die Zeit der Unterdrückung auch für jene nacherlebbar, die nicht dabei waren. Einiges mag überholt sein, aber viele Hindernisse existieren weiterhin. So sind unsere Medien immer noch stark vom Militär beeinflusst und haben noch nie berichtet, worum es uns mit der Revolution eigentlich ging: um die Vorstellung von einem neuen System und einem guten Leben für alle. Die Leute, die nach der Revolution an die Macht kamen, glauben nicht an diese Ideen. Sie sind entweder religiös motiviert oder nur an Macht interessiert.

Ist Ihr Buch jetzt in Ägypten erhältlich?

Nein. Als das Gericht uns 2009 zu 1000 Dollar Geldstrafe verurteilte, wurde verfügt, dass sich jeder strafbar macht, der in Zukunft direkt oder indirekt an der Verbreitung des Buchs in Ägypten beteiligt ist. Dieses unter Mubarak gesprochene Urteil ist immer noch gültig. Aber es gibt eine im Libanon gedruckte Ausgabe, von der etliche Exemplare in Ägypten zirkulieren. Trotzdem, Haschisch ist nach wie vor leichter zu bekommen als mein Buch.

Wollen Sie das Urteil anfechten?

Nein, ich konzentriere mich auf ein neues Buch. Wer von der Revolution erzählen will, soll von den Leuten erzählen, die sie gemacht haben, und besonders von denen, die nicht dabei waren. In meinem Buch geht es um einen Dieb, um die Geschehnisse auf dem Tahrir-Platz, um eine Frau. Es erzählt von dem Preis, den Leute für die Freiheit zahlen müssen.

Sie waren wegen Ihres Comics in Polizeigewahrsam. Hat Ihre Karriere darunter gelitten? Sie arbeiten ja hauptberuflich für eine Pharmafirma in Kairo.

Nein, glücklicherweise arbeiten wir mit internationalen Investoren, da gab es kaum Probleme. Wäre ich zu einer Haftstrafe verurteilt worden, hätte ich meinen Job aber sicher verloren. Mehr Angst hatte ich um meine Tochter. Ich hätte ihr vielleicht erklären können, dass die Anschuldigungen falsch sind, aber ich weiß nicht, mit welchen Anfeindungen sie in der Schule zu kämpfen gehabt hätte. Schlimm war das Verbotsverfahren aber auch, weil ich fast zwei Jahre nicht an Geschichten arbeiten konnte. Nicht zu wissen, ob man die nächsten Jahre im Gefängnis verbringt, setzt einen ziemlich unter Druck.

2008 haben Sie mit der deutschen ComicKünstlerin Isabel Kreitz einen Workshop für Zeichner in Kairo geleitet. Damals klagten Sie, dass es den Schülern fast unmöglich war, eigene Ideen zu entwickeln. Hat die Revolution etwas verändert?

Ja, absolut. Viele der Teilnehmer haben inzwischen eigene Magazine gegründet. „Al-Doshma“, bei dem ich auch mitarbeite, ist nur eins von vielen.

Ist die ägyptische Kunst generell politischer geworden?

Alles ist politisch: Gas zum Kochen kaufen, Nahrung, Kleidung. Aber auch politische Kunst muss unterhaltsam sein. Wer das nicht bietet, wird nicht akzeptiert.

Haben Sie noch Probleme mit der Zensur?

Nein, es herrscht Chaos. Deshalb können heute kritische und auch obszöne Cartoons erscheinen, die es früher nie gegeben hätte. Auch über Bücher wie „Persepolis“, die Biografie der Iranerin Marjane Satrapi, können wir reden. Der Comic war unter Mubarak zwar nicht verboten, aber es war unmöglich, darüber in den Medien zu diskutieren. Das ist eine gesunde Entwicklung, die dazu führt, dass viele Menschen mit Ideen konfrontiert werden und sich Fragen ausgesetzt sehen, die sie vorher in ihren abgeschotteten Zirkeln nie zu hören bekommen haben – das gilt für Salafisten wie Intellektuelle.

Vor ein paar Monaten sorgte Alia Magda al-Mahdi, als sie Nacktfotos von sich ins Netz stellte, weltweit für Aufsehen, erfuhr in Ägypten aber auch viel Kritik. Welchen Einfluss haben heute die Blogger, die während der Revolution sehr wichtig waren?

Die Blogger sind immer noch sehr einflussreich. Was Alia gemacht hat, war sehr wichtig, weil sie das Bild Ägyptens in den westlichen Medien verändert hat, wo am liebsten verschleierte Frauen oder bärtige Männer gezeigt wurden. Sie hat deutlich gemacht, dass es um Freiheit geht.

Warum gehen Sie nicht in die Politik?

Politik ist zu pragmatisch. Viele Politiker überlegen nur, wie sie selbst profitieren können, und weniger, wie alle profitieren können.

Haben Sie sich letztes Jahr auf dem Tahrir-Platz vom Westen unterstützt gefühlt?

Am Ende haben wir die Unterstützung gespürt, und wir werden das nicht vergessen. Am Anfang haben unsere Medien jedoch verbreitet, dass alle Ausländer Spione sind. Die Armee will das jetzt zementieren. „Redet nicht mit Ausländern“, heißt es. Aber vielen erscheint das immer lächerlicher. Die Revolution und ihre Ideen sind weiter als die Realität. In eine paar Jahren, wenn die Schüler von heute wählen dürfen, wird man über uns lachen.

Das Gespräch führte Moritz Honert

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