Berliner Comiczeichner Mawil und Flix : Nachdenken mit dem Stift

Die Zeichner Mawil und Flix veröffentlichen zeitgleich Bücher mit ihren Strips aus dem Tagesspiegel. Anlass für einen Besuch im Comic-Atelier.

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Mawil (links) und Flix beim Vergleichen ihrer druckfrischen Bücher in Flix’ Atelier. Unten zwei Zeichnungen der beiden, mit denen für die Buchvorstellung am Donnerstag geworben wird. Motto: „Fesche Singles und schöne Töchter“.
Mawil (links) und Flix beim Vergleichen ihrer druckfrischen Bücher in Flix’ Atelier. Unten zwei Zeichnungen der beiden, mit denen...Foto: Thomas Hummitzsch

Die Namen Markus Witzel und Felix Görmann müssten Tagesspiegel-Lesern sofort etwas sagen – wenn sich die beiden Berliner Zeichner nicht vor Jahren für Künstlernamen entschieden hätten. Hinter den Echtnamen verbergen sich die beiden Comickünstler Mawil und Flix, die neben Tim Dinter und Olivia Vieweg im Vierwochenrhythmus die Sonntagsstrips in dieser Zeitung zeichnen.

Jetzt haben die beiden je ein Buch mit ihren gesammelten Tagesspiegel-Werken veröffentlicht, am Donnerstag stellen sie es gemeinsam vor. Comicszenen werden projiziert, dazu lesen die beiden die Texte.

Am Tag, an dem das Interview mit den beiden ansteht, ist Mawils 39. Geburtstag. Treffpunkt ist das Atelier von Flix im Norden Pankows, nicht weit von dem Haus entfernt, in dem er mit seiner Familie lebt. Flix, der im Oktober ebenfalls 39 wird, streckt Mawil nach einem Ständchen sein neues Album „Schöne Töchter“ (Carlsen, 128 S., 24,99 €) entgegen, im Gegenzug erhält er ein frisch gedrucktes Exemplar von dessen „The Singles Collection“ (Reprodukt, 136 S., 29 €).

Sofort fachsimpeln beide über den Büchern im Schallplattenformat: „Geile Farben“, „kommt gut raus“, „cooles Stoffbändchen“. Hier begegnen sich zwei befreundete Zeichner, die in ihrer Arbeit aufgehen.

Eine Idee kam beim Friseurbesuch

Kennzeichen ihrer Strips ist die Allgemeingültigkeit. Statt tagesaktueller Kommentare stößt man auf eher grundsätzliche Aussagen. „Wir setzen unsere Kunst dafür ein, auf die kleinen und netten Dinge im Alltag hinzuweisen“, erklärt Mawil, dessen gezeichnete Jugenderinnerungen mit dem Titel „Kinderland“ im vergangenen Jahr mit dem renommierten Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnet wurden.

Ein Strip sei dann gelungen, wenn er „ohne Aktualitätsbezug auskommt und die Leute dennoch dort abholt, wo sie sind“, ergänzt Flix, der in der Reihe „Schöne Töchter“ alle vier Wochen dem Miteinander der Geschlechter im Großstadtdschungel nachgeht. Schon 2012 wurde er dafür ebenfalls mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnet. Spätestens beim inneren Schweinehund, der übergroß vor der Haustür lauert, oder dem Wal, der sich schwanger durchs Wohnzimmer wälzt, weiß man, wovon er redet.

Allgemeingültigkeit heißt aber auch, Stellungnahmen zu aktuellen Geschehnissen zu unterdrücken, selbst wenn es schwerfällt. „Die sogenannten ,besorgten Bürger‘ und die brennenden Flüchtlingsheime machen mir sehr schlechte Laune, da zuckt es schon gewaltig in meinen Fingern“, gesteht Flix. Womöglich nur eine Frage der Zeit, bis die Nachrichten über Umwege in seine Arbeit wandern.

Mit Flix zum Berlin-Marathon
Wie alles anfing: Flix' erster Strip über den Weg zum Marathon erschien am 25. November 2010 auf seiner Website.Weitere Bilder anzeigen
1 von 13Foto: Flix
28.09.2013 17:09Wie alles anfing: Flix' erster Strip über den Weg zum Marathon erschien am 25. November 2010 auf seiner Website.

In der 2010 gestarteten Serie „Schöne Töchter“ beobachtet er nicht nur die Dynamik zwischen Männern und Frauen, sondern will auch den Blick seiner Leser auf die Dinge weiten. „Ich bin lieber ein Optimist, auch wenn ich am Ende unrecht habe, als ein Pessimist, der recht hat – das lebt sich irgendwie leichter. Das versuche ich in meinen Comics zu vermitteln, denn ich habe schon das Gefühl, dass es notwendig ist, die Leute an ihre Empathie zu erinnern.“ Autobiografisch sei davon fast gar nichts, versichert er. Manches sei allerdings im Freundes- und Bekanntenkreis aufgeschnappt: So stammt die Idee für eine Episode von seiner Friseurin, die ihm ein Erlebnis mit ihrem Freund erzählte. Das erzählt Flix dann im Comic allerdings aus Sicht des Freundes.

Der Hilferuf an die Optiker war erfolgreich

Mawils Charaktere, deren Erlebnisse nach eigenem Bekunden zur Hälfte autobiografisch geprägt sind, wirken nostalgisch, in anrührender Weise auch immer wieder hilflos. In seinen Berliner Alltagserlebnissen erzählt er etwa davon, wie man sich erfolglos vor einem Umzug drückt oder wie man besser nicht mit seinem Verleger verhandelt. Variabilität ist sein Programm, im Gegensatz zu Flix hat er sich keiner Serie verschrieben. Man weiß nie, was als Nächstes kommt. Mal berichtet er von Reisen mit dem Goethe-Institut, dann von den verrückten Abenteuern der fiktiven Figur Superhasi, oder er nutzt den Raum für persönliche Anliegen. Als sein ausgedientes Brillengestell nicht mehr hergestellt wurde, zeichnete er einen Strip, in dem er Berlins Optiker bat, in ihrem Lager nach dem ausgelaufenen Modell zu schauen. Einige Tage darauf ließ ihn die Pressestelle des betreffenden Brillenherstellers freudig wissen, dass man noch ein Exemplar für ihn gefunden habe.

Flix zieht vor Mawils spontaner Kreativität den Hut. Er hat sich bewusst für eine feste Serie entschieden: „Wenn ich das genauso frei gestalten würde wie Markus, dann würde mir gar nichts einfallen.“ Dass ihm das tatsächlich mal passieren könnte, kann man sich kaum vorstellen. Flix ist einer der produktivsten Zeichner in Deutschland.

Er gilt deshalb als BWLer unter den Comicschaffenden, kann selbst darüber aber nur lachen. „Kann bitte jemand meine Mutter anrufen und ihr das sagen? Die sieht das anders.“ Mawil, der sich gern mal von der Arbeit ablenken lässt, wirft ein, dass das nur anerkennend gemeint sein könne. „Der Mann bringt die Sachen, die er angefangen hat, zu Ende und weiß, was funktioniert und was nicht funktioniert. Ich komme hier alle fünf Jahre an und zeige stolz mein neues Buch, da hält er mir die drei vor die Nase, die er inzwischen gemacht hat.“

Comics zeichnen kann ein einsames Geschäft sein, auch wenn sich beide ihr Studio mit anderen Künstlern teilen. Wenn sie an ihren Zeichentischen sitzen – zwischen 9 und 15 Uhr ist die wichtigste Zeit –, dann brauchen sie Ruhe. „Zeichnen ist Nachdenken mit dem Stift“, erklärt Flix. Wenn das so ist, sitzen hier zwei wahre Philosophen. Sein Gegenüber räumt ein, dass er „schon immer Teil einer Jugendbewegung sein oder eine Gang haben“ wollte, um der Einsamkeit zu entgehen. Er träumt von einem Gemeinschaftsprojekt nach dem Vorbild von Zeichnergruppen in den Niederlanden und Frankreich. Eine Idee, an der auch Flix Gefallen findet. Möglicherweise geht da was. Vielleicht sogar ein gemeinsames Album des Tagesspiegel-Comic-Quartetts.

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