Bernie Wrightson (1948 - 2017) : Meister des schraffierten Horrors

Er prägte den modernen Horror-Comic. Jetzt ist US-Zeichner Bernie Wrightson mit 68 Jahren gestorben. Ein Nachruf

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Auf der Schattenseite: Eine Seite aus „Creepy präsentiert: Bernie Wrightson“.
Auf der Schattenseite: Eine Seite aus „Creepy präsentiert: Bernie Wrightson“.Foto: Splitter

Grotesk verzerrte Perspektiven und tief herabstürzende Schlagschatten weisen bereits auf das abgründige Geschehen seiner Geschichten hin. Wenn man eine gezeichnete Entsprechung zum Horror eines Edgar Allan Poe oder eines H. P. Lovecraft suchte, beim amerikanischen Comiczeichner Bernie Wrightson würde man fündig . Einzig sein Landsmann und Weggefährte Richard Corben war ihm ebenbürtig. Nun ist Bernie Wrightson im Alter von 68 Jahren gestorben.

Dunkle Seelen, Freaks und Monster

Seine meist schwarzweiße Zeichenkunst war, neben den bereits erwähnten typischen visuellen Merkmalen, für den Leser sofort als Wrightson identifizierbar. Die einzelnen Comicpanels überzeugten durch starke Atmosphäre und ein dichtes, feines Geflecht aus Linien und Schraffuren, seine Seiten sind sorgfältig und dynamisch komponiert. In ihrem Gothic-Look erinnern Wrightsons beste Arbeiten, oft gezeichnete Kurzgeschichten, an alte Gruselfilme der englischen Hammerstudios (die unter anderem die „Dracula“-Filme mit Christopher Lee produzierten), jedoch sind sie in ihrer psychologischen Charakterführung viel tiefsinniger.

Meist stehen dunkle Seelen im Zentrum der Geschichten, die einem unerhörten phantastischen Geschehen beiwohnen. Oder die zentralen Figuren sind selbst phantastische Wesen, verunstaltete „Freaks“ oder Monster, die nicht eindimensional böse sind, sondern vielmehr bedauernswerte, mit ihrer Existenz hadernde einsame Kreaturen.

Moderner Klassiker: Eine von Wrightsons Illustrationen zu Mary Shelleys „Frankenstein“.
Moderner Klassiker: Eine von Wrightsons Illustrationen zu Mary Shelleys „Frankenstein“.Foto: Promo

Bernie Wrightson wurde 1948 in Dundalk, Maryland geboren und begeisterte sich in seiner Jugend sehr für die EC-Comics, damals umstrittene und zensierte, heute aber legendäre Bilderzählungen, die oft literarisch anspruchsvolle und von herausragenden Künstlern gestaltete Comickurzgeschichten in trivialem Gewand präsentierten. Graham Ingels war einer der Zeichner, der durch seine Horror-Storys Wrightson besonders beeindruckte.

Illustrationen zu Mary Shelleys „Frankenstein“

Ende der 1960er Jahre begann Wrightson seine professionelle Karriere als Comiczeichner und schuf früh, zusammen mit dem Autor Len Wein, seine erste schon typische Comicfigur: „Swamp Thing“ ein Sumpf-Ungeheuer in viktorianischer Zeit. Diese pittoreske Ära bot sich geradezu an als Hintergrund für düstere Geschichten und sollte Wrightson auch in Zukunft immer wieder dienen.

Für den engagierten Kleinverlag Warren, der verschiedene Horror-Magazine wie „Creepy“, ,„Eerie“ und „Vampirella“ herausgab, schuf Wrightson Mitte der 70er Jahre einige seiner besten und zeitlosesten Horrorgeschichten, in denen er seinen aufwendigen, an Kupferstiche des 19. Jahrhunderts und Jugendstilillustrationen erinnernden Zeichenstil entwickelte und zur Vollendung brachte.

„The Black Cat“ illustriert in kontrastreicher Schwarzweiß-Tuschetechnik kongenial eine berühmte Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe, während der selbst verfasste Comic „The Muck Monster“ in expressiven Farben aus der Perspektive eines gerade künstlich zum Leben erweckten Monsters erzählt. Eine rühmliche Gesamtausgabe dieser Arbeiten („Creepy präsentiert: Bernie Wrightson“, 144 S., 22,80) erschien 2014 im Splitter-Verlag.

Importierter Horror: Das Cover der deutschen Gesamtausgabe von Wrightsons Arbeiten für „Creepy“ und,„Eerie“.
Importierter Horror: Das Cover der deutschen Gesamtausgabe von Wrightsons Arbeiten für „Creepy“ und,„Eerie“.Foto: Splitter

Neben Comicarbeiten war Wrightson ein Meister der Illustration, vor allem der Cover-Art, die er für Warren-Magazine und später auch für verschiedene Buchprojekte gestaltete. Für die besonders aufwendigen schwarzweißen Illustrationen zu Mary Shelleys „Frankenstein“-Roman (1983), unbestritten ein Höhepunkt seines Schaffens, verwendete er insgesamt sieben Jahre.

Auch zu zahlreichen Werken verschiedener Schriftsteller wie Stephen King (u.a. „Das Jahr des Werwolfs“, 1985) lieferte er Illustrationen, die das jeweilige Werk bereicherten.

Wiederholt arbeitete Wrightson auch für DC und Marvel und konnte seine Handschrift so auch einigen Superhelden-Reihen – die Miniserie „Batman: Der Kult“, „Hulk“, „Spider-Man“ u.a. - unterordnen, ohne seinen Stil zu verleugnen.

Horror-Held: Eine Szene aus der Miniserie „Batman: Der Kult“.
Horror-Held: Eine Szene aus der Miniserie „Batman: Der Kult“.Foto: Promo

Der Comiczeichner wurde mit zahlreichen amerikanischen Preisen wie dem H. P. Lovecraft Award (2007) geehrt, zuletzt mit dem Inkwell Special Recognition-Award 2015, der vor allem seiner herausragenden grafischen Leistung Tribut zollte, die zahlreiche Comickünstler beeinflusste. Auch ein deutscher Comiczeichner ist darunter: Andreas (Andreas Mertens), der in seinen phantastischen Comics „Rork“ , „Capricorne“ oder„Cromwell Stone“ sichtbar von Wrightsons Schraffurtechnik wie auch Seitenlayout beeinflusst ist, und daraus seinen eigenen Stil formte.

Erst Anfang des Jahres zog sich Bernie Wrightson, der zuletzt in Austin, Texas lebte, von der Illustrations- und Comic-Arbeit aus gesundheitlichen Gründen zurück. Nach einer Operation wegen eines Hirntumors ist er am 19. März gestorben.

Unser Autor Ralph Trommer ist Dipl.-Animator, Autor von Fachartikeln über Comics, Prosatexten und Drehbüchern. Weitere Tagesspiegel-Artikel von ihm finden sich unter diesem Link.

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