Comic „Blutspur“ : Schwarzmalerei

Dem deutschen Comic fehlt eine regelmäßige Spielwiese für populäre und kommerzielle Stoffe –Plädoyer für eine Rückkehr an den Kiosk.

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Fumetti-Neri-Look: Eine Doppelseite aus „Blutspur“.
Fumetti-Neri-Look: Eine Doppelseite aus „Blutspur“.Foto: Kult Comics

Die Forderung nach mehr Genre im deutschen Comic hat bisher außer einigen bemühten Kopien von Noelle Stevensons „Nimona“ nichts bemerkenswertes hervorgebracht. Vielleicht wäre es hilfreich, würde man, wie es „Nimona“-Autorin Noelle Stevenson einst tat, beispielsweise Cosplay als Inspirationsquelle begreifen – eine unter sich als ernsthaft gerierenden Anhängern des Comics auf Grund ihrer Verspieltheit etwas verpönte Umgangsweise mit dem Medium.

Da erscheint das Ausweichen auf die immer wieder gern hervorgekramten Vampire fast schon so erfrischend wie eine Blutdusche im Nachtclub; die einstmals erfolgreich Teenagerbedürfnisse anzapfende „Twilight“-Reihe ist ja nun auch schon etwas in die Jahre gekommen.

Michael Mikolajczak und Holger Klein unternehmen in „Blutspur“ einen Genre-Gehversuch mit von einem Vampir zäh deklamierter und moralinsaurer Gesellschaftskritik im missratenen Fumetti-Neri-Look, und was man sich auf Grund der von vorneherein als Stilmittel propagierten Einfachheit bei „Diabolik“ noch gefallen ließe, bekommt hier gänzlich verunglückte Dimensionen. Nicht zuletzt wegen der hehren und von Autor Mikolajczak in einem Interview angeführten Vorbilder wie unter anderem Abel Ferraras philosophischem Suchtkranken-Kleinod „The Addiction“ verheben sich Mikolajczak und Klein gewaltig.

Ein Bild wie aus der Rasterfahndung: Eine Seite aus „Blutspur“.
Ein Bild wie aus der Rasterfahndung: Eine Seite aus „Blutspur“.Foto: Kult Comics

Dabei böte das immer wieder auf verschiedenste Weise neubelebte Feld der Literatur über die menschlichen Lebenssaft schlürfenden Kreaturen der Nacht wahrlich genug Ansätze, um zu reüssieren: Von der Projektionsfläche für erotische Fantasien, als Metapher für den Kapitalismus oder als kartografische Erkundung letzter Grenzen, so geschehen in Kathryn Bigelows filmischer Outlaw-Parabel „Near Dark“. Auch das Auslesen und Nacherleben anderer Persönlichkeiten, wie es die Vampire in Viktor Pelewins sehr empfehlenswertem Roman „Das fünfte Imperium“ bei ihren Verkostungen betreiben, stellt eine weitere bereichernde Facette der Thematik dar.

 Seltsam, aber so steht es geschrieben

 Doch „Blutspur“ begnügt sich damit, sozial stigmatisierte Existenzen in aus dem Handlungsverlauf nicht nachvollziehbaren ganzseitigen Portraits zu präsentieren, die dann mit einer Unterteilung in bis zu vierzig (!) Panels was-auch-immer visualisieren sollen. Manchmal entstehen dabei leichte Verzerrungen in den Proportionen, manchmal aber auch nicht, und dann wirkt das alles so, als habe man mangels eines grafischen Konzepts einfach nachträglich das Lineal angelegt, um die vorherrschende eingefrorene Art der Darstellung etwas aufzubrechen.

Und genauso statisch kommt das nicht enden wollende Salbadern des unter der Verschmutzung menschlichen Blutes leidenden Vampirs daher; wenn ich mich recht erinnere, hat Sergio Aragones vor langer Zeit mal einen passablen Gag aus der Idee für „Mad“ gebastelt. Mehr gibt das allerdings kaum her; schon gar nicht als Grundlage für ein Hardcover von hundertachtzig Seiten Umfang.

Das Titelbild des besprochenen Bandes.
Das Titelbild des besprochenen Bandes.Foto: Kult Comics

Warum man so etwas in dieser Form oder gar als limitierte Vorzugsausgabe erwerben soll, bleibt rätselhaft, bedienen doch Heftromane wie die 2016 gestartete „Dark Land“-Reihe aus dem Bastei-Verlag derartige Themen innovativer, sind preiswerter und bieten immerhin ansehnliche Timo-Wuerz-Cover. In den Groschenromanen sind die blutsaugenden Nachtwandler übrigens als Dealer tätig, die mit einem Halluzinogen versetzte Blutegel unter das abhängige Volk bringen.

Wie der deutsche Heftroman, was gesellschaftliche Relevanz angeht, momentan die Nase vorn zu haben scheint. Nichts gegen engagierte Kleinunternehmen wie Weissblech- oder Whoa-Comics, aber vielleicht sollte der wesentlich größere Bastei-Verlag seine „Gespenster-Geschichten“ reaktivieren und dieses Mal von deutschen Nachwuchsautoren bespielen lassen, dann kommt die breite Masse eventuell eher auf den Geschmack. Ob nach Blut oder anderen Säften, lassen wir mal dahingestellt.

 Michael Mikolajczak und Holger Klein: Blutspur, Kult Comics, 180 Seiten, 24,95 Euro

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