Der Erste Weltkrieg im Comic : Im Westen viel Neues

Hundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs bearbeitet eine neue Zeichnergeneration das Thema - mit Peter Eickmeyer und Reinhard Kleist sind auch zwei Deutsche darunter.

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Massensterben: Eine Szene aus Joe Saccos „Der Erste Weltkrieg – Die Schlacht an der Somme“.
Massensterben: Eine Szene aus Joe Saccos „Der Erste Weltkrieg – Die Schlacht an der Somme“.Foto: Edition Moderne

Soldatenmassen schieben sich durch endlose Schützengräben, werden von Maschinengewehrfeuer erfasst und enden schließlich auf einem nahen Friedhof. Der US-Comicautor Joe Sacco, Jahrgang 1960, hat das industrialisierte Massensterben im Ersten Weltkrieg in seinem sieben Meter breiten Leporello „Der Erste Weltkrieg – Die Schlacht an der Somme“ (Edition Moderne, 24 S. im Schuber, 35 €) anschaulich verdichtet. In Form eines ausklappbaren Schaubildes illustriert er eine der verlustreichsten Schlachten des vor 100 Jahren begonnenen Krieges, bei der allein am ersten Tag Zehntausende fielen. Realistisch und detailreich, in einem an Hergés „Ligne Claire“ erinnernden Stil, entwirft der als Comic-Reporter bekannte Zeichner ein nüchternes Panorama des 1. Juli 1916 aus Sicht der angreifenden Briten. Ein Text des US-Journalisten und Schriftstellers Adam Hochschild erhellt die Hintergründe.

Saccos Werk ist eine der zahlreichen Veröffentlichungen, mit denen sich Illustratoren, Künstler und Comiczeichner zum 100. Jahrestag dem Krieg und seinen Folgen nähern.

Der niedersächsische Grafiker Peter Eickmeyer, Jahrgang 1964, hat sich für seine erste als „Graphic Novel“ deklarierte Arbeit Großes vorgenommen und den literarischen Klassiker zum Thema adaptiert, „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque aus dem Jahr 1929 (Splitter Verlag, 176 S., 22,80 €, erscheint Ende Mai). Der damals viel diskutierte Welterfolg ist noch heute ein gültiges Anti-Kriegs-Mahnmal um einfache deutsche Soldaten, von denen keiner den Krieg überlebt. Eickmeyer gelingen starke Bilder, wenn er Bezüge zur Kunstgeschichte setzt, Motive aus Picassos „Guernica“ oder aus Otto Dix’ Kriegszyklen zitiert. Trotzdem ist das Buch mehr illustrierter Roman denn Graphic Novel – Text und Bild stehen separat.

Im Westen nichts Neues: Der Künstler Peter Eickmeyer hat den Klassiker als Bilderzählung adapiert.
Im Westen nichts Neues: Der Künstler Peter Eickmeyer hat den Klassiker als Bilderzählung adapiert.Foto: Splitter

Der für seine Graphic Novels vielfach prämierte Berliner Zeichner Reinhard Kleist (u.a. „Der Boxer“) hat das Buch „1914 – Ein Maler zieht in den Krieg“ (Aladin Verlag, 112 S., 19,90 €) illustriert. Es richtet sich an jugendliche Leser, ist aber auch für Erwachsene lesenswert: Autor Reinhard Osteroth greift darin das Schicksal des „Blaue Reiter“-Malers Franz Marc auf, der 1916 als Soldat fiel. Kleists mit Tusche und Aquarell ausgeführten Bilder illustrieren auf inspirierte Weise persönliche wie historische Ereignisse.

Echte Comic-Bearbeitungen des Ersten Weltkriegs kommen vornehmlich aus Frankreich, wo der „Große Krieg“ als bedeutende, schockhafte Zeitenwende begriffen wird. Meist erzählen sie aus französischer Sicht von der Westfront, den Kämpfen in Nordfrankreich und Belgien.

„Ambulanz 13“ (Verlag comicplus+, drei Bände bisher, je 48 S., 15 €) handelt von einer französischen Kompanie, die unter Lebensgefahr Verwundete bergen und verarzten muss. Authentisch und illusionslos wird der Krieg gezeichnet, im Mittelpunkt steht der aufrechte junge Arzt Leutnant Bouteloup und seine Beziehungen zu zwei Frauen, von denen die eine Nonne ist und sich vor einem Kriegsgericht verantworten muss, weil sie als Lothringerin verdächtigt wird, auf der deutschen Seite zu stehen. Als einziger der aktuellen Comics zum Krieg bietet „Ambulanz 13“ punktuell auch Einblicke in die Offiziersränge und in hohe politische Kreise Frankreichs, denen wenig daran gelegen scheint, friedliche Lösungen für den Krieg zu finden. Während die Dekors des ländlichen, kriegszerstörten Frankreich durch detailreichen Realismus zu überzeugen wissen (Zeichnungen Alain Mounier), bleiben die Charaktere der insgesamt vier Alben umfassenden Reihe blass und schablonenhaft, die Handlung (Text: Patrick Cothias, Patrice Ordas) schwankt zwischen nüchterner Kriegserzählung und Herz-Schmerz-Roman.

Krieg und Krimi: Eine Seite aus "Mutter Krieg".
Krieg und Krimi: Eine Seite aus "Mutter Krieg".Foto: Splitter

Die vierbändige Reihe „Mutter Krieg“ ist als Gesamtausgabe bei Splitter erschienen (256 S., 39,80€). Sie verknüpft das Kriegsgeschehen mit einer raffiniert konstruierten Kriminalhandlung – nahe der Front werden vier Frauen Anfang 1915 ermordet – und besticht durch die impressionistische Farbgebung des Zeichners Maël (geb. 1976), die im Kontrast zur Grausamkeit des Krieges steht. Szenarist Kris (geb. 1972) benutzt den Krieg aber nicht nur als Dekor. Die traumatischen Erlebnisse des ermittelnden Gendarmen, Nebencharaktere und Lebensumstände werden romanhaft ausgebreitet, so dass ein Sittenbild der Epoche entsteht. In Frankreich ist bereits eine Verfilmung der Reihe durch den Regisseur Olivier Marchal geplant, der sich mit harten Kriminalfilmen wie „36-Tödliche Rivalen“ und „MR 73“ einen Namen gemacht hat.

Seit Beginn seiner Comiczeichner-Karriere Anfang der 1970er Jahre beschäftigt sich der 1946 geborene Franzose Jacques Tardi immer wieder mit dem Ersten Weltkrieg, inspiriert von Erlebnissen seines Großvaters. Er bevorzugt die Maulwurf-Perspektive der „Poilus“, der „bärtigen“ französischen Frontsoldaten im Schützengraben.

Seine bedeutendsten Werke wurden von der Edition Moderne nun neu aufgelegt: „Grabenkrieg“ (128 S., 26 €) von 1993 ist eine Sammlung aus vielen Quellen zusammengetragener, verdichteter Berichte einfacher Soldaten. Tardi gibt den zahllosen Gefallenen Namen und Gesichter, lässt sie in schnodderigem Ton vom widerwärtigen täglichen Krieg berichten – und kurz darauf krepieren. Der kleine Soldat wird von den unfähigen militärischen wie politischen Eliten als Kanonenfutter missbraucht. Die spürbare Wut Tardis überträgt sich in tristen schwarz-weiß-grauen Bildern auf die Leser. Bunte Farben zu Beginn des 2008/09 entstandenen Werks „Elender Krieg 1914–1919“ (144 S., 34 €) geben hingegen die Aufbruchsstimmung der Soldaten im Sommer 1914 wieder. Aus der Perspektive eines fiktiven „Poilu“ wird der Krieg in Form einer Bilderchronik geschildert. Schleichend werden den Panels die Farben entzogen. Ein Abriss der Kriegsjahre durch den Historiker Jean-Pierre Verney, der Tardi bei den Recherchen unterstützte, ergänzt den Band.

Die aktuellen grafischen Auseinandersetzungen mit dem Ersten Weltkrieg verzichten klug auf nationale Schuldzuweisungen und falschen Heroismus. Sie helfen, die Sinnlosigkeit eines heute fremd gewordenen Kriegs neuen Generationen vor Augen zu führen.

Unser Autor Ralph Trommer ist Dipl.-Animator, Autor von Fachartikeln über Comics, Prosatexten und Drehbüchern. Weitere Tagesspiegel-Artikel von ihm unter diesem Link.

Einen Themenschwerpunkt zum Ersten Weltkrieg finden Sie hier.

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