"Der Himmel über Berlin" als Comic : Engel, die auf Menschen starren

Wim Wenders hat mit "Der Himmel über Berlin" einen Filmklassiker mit einer eigenen Bildersprache geschaffen. Kann die Comicadaptionen dem Werk eine neue Perspektive abgewinnen?

Markus Lippold
Nebenher von irdischer und metaphysischer Welt: Eine Doppelseite aus dem besprochenen Buch.
Nebenher von irdischer und metaphysischer Welt: Eine Doppelseite aus dem besprochenen Buch.Foto: Jacoby & Stuart

Der Himmel über Berlin ist zum Glück nicht immer so wolkenverhangen wie in diesen Wintertagen. Denkt man aber an den Filmklassiker "Der Himmel über Berlin" von Wim Wenders sieht man unweigerlich schwarz-weiße Bilder vor sich: die Gedächtniskirche unter grauen Wolken, lesende Studenten und ernst dreinschauende Engel. Es ist ein nachdenklicher Film, für die trübe Jahreszeit.

Viele berühmte Bilder hat der Streifen von 1987 hervorgebracht: Bruno Ganz als Engel Damiel, der sich in die Artistin Marion verliebt, Otto Sander als Cassiel auf der Siegessäule. Schließlich alle beide, wie sie die lesenden Menschen in der Staatsbibliothek beobachten. Ein Film lebt von solchen Bildern, die im Gedächtnis der Zuschauer hängenbleiben.

Es ist schwer, mit einer Adaption gegen die Präsenz solcher Bilder anzukommen. Vor allem wenn es um einen Comic geht, der wie der Film ein sequentielles Medium ist. Sebastiano und Lorenzo Toma probieren es trotzdem, mit ihrer Adaption von "Der Himmel über Berlin", erschienen beim Berliner Verlag Jacoby & Stuart.

Die beiden Autoren bleiben inhaltlich nah dran an der Vorlage, auch wenn sie sich einige Freiheiten herausnehmen. Das Geschehen wird etwa aus den späten 80er Jahren in die Gegenwart verlegt. Kein Wunder, hat Berlin sich doch seitdem stark verändert, vor allem wichtige Handlungsorte wie der Potsdamer Platz. Nicht nur Siegelsäule und Gedächtniskirche spielen deshalb im Comic eine Rolle, sondern auch Brandenburger Tor, Holocaust-Denkmal und East Side Gallery.

Die poetischen Worte des Films geraten zur starren Pose

Passend zur Vorlage haben die beiden Autoren an diesen Orten Szenen mit Schauspielern nachgestellt, um sie dann mit der Feder zu Papier zu bringen. Die filigranen Federstriche und die großen schwarzen und grauen Flächen unterstreichen die nachdenkliche, ernste Stimmung der Handlung. Nur weiße Flecken und das Spiel mit den Schatten erzeugen Räumlichkeit - die Kontraste sind ein Verweis auf das Nebenher von irdischer und metaphysischer Welt. Stellenweise entstehen so atmosphärische Bilder, die der Vorlage gerecht werden und mit kleinen Details sogar aktuelle Perspektiven hinzufügen - etwa die Darstellung der inzwischen übermalten konsumkritischen Streetart-Bilder in der Kreuzberger Cuvrystraße.

Doch einige gelungenen Bilder sind zu wenig, um das Problem dieser Adaption zu überspielen: Ihr fehlt es an Dynamik. Schon im Film gibt es Szenen, in denen die Gedanken der Menschen und Engel aus dem Off gesprochen werden. Das ist anstrengend genug, wird aber durch Kamerafahrten und Schnitte aufgefangen. Das fehlt dem Comic: Statt die Monologe in Sequenzen darzustellen oder in Dialogen aufzulösen, werden sie hier in karge Einzelbilder oder Collagen mit massigen Textblöcken komprimiert, die manchmal eine Doppelseite einnehmen. Hier sieht man Engeln oder Menschen beim Sinnieren zu, was so langweilig wirkt wie es sich anhört. Die poetischen Worte des Films geraten zur starren Pose.

Neuinterpretation: Das Buchcover.
Neuinterpretation: Das Buchcover.Foto: Jacoby & Stuart

Zu selten gibt es im Comic Bildfolgen, die eine eigene Geschichte erzählen. Viele Zeichnungen wirken eher wie Illustrationen der tiefsinnigen Monologe. Statt einer einheitlichen Handlung werden so nur Bruchstücke geboten. Auch das quirlige Leben, das eine Großstadt wie Berlin ausmacht, sucht man vergeblich. Und dass, obwohl belebte Touristenziele wie der Potsdamer Patz gezeigt werden. Die kargen Bilder des Comics passen eher zum eingemauerten Westberlin der 80er Jahre, dem Wim Wenders mit seinem Film ein Denkmal setzte. Für das wiedervereinte Berlin findet die Comicadaption zu wenige eigenständige Bilder, die Neuinterpretation bleibt auf halber Strecke stecken.

Sebastiano & Lorenzo Toma: Der Himmel über Berlin, Jacoby & Stuart, 192 Seiten, 24 Euro