Der Tagesspiegel-Fragebogen (15) : 15 Fragen an - Veronika Mischitz

Wir haben Comicschaffenden je 15 Fragen gestellt - zu ihrer Arbeit, zu ihren Vorbildern und zur Lage der Comic-Nation. Heute: Veronika Mischitz („kleiner vogel rot“).

Veronika Mischitz im Selbsporträt.
Veronika Mischitz im Selbsporträt.

1. Was kommt bei Ihrer Arbeit zuerst: Worte oder Bilder?
Definitiv Bilder. Obwohl ich die Arbeit von Kollegen sehr schätze, die mit viel Wortwitz und einer ganz eigenen Sprache ihre Geschichten erzählen, konzentriere ich mich lieber auf die Bilder. Damit kann ich persönlich sehr viel mehr ausdrücken. Die Worte dienen dann quasi nur noch als Ergänzung.

2. Hören Sie beim Zeichnen Musik, und wie beeinflusst Sie das?
Solange ich mit der Umsetzung beschäftigt bin - in der Scribble- und in der Reinzeichnungsphase - kann ich keine Musik hören. Sie würde mich zu sehr ablenken. Später dann, wenn nicht mehr soviel Konzentration erforderlich ist, höre ich gerne Musik. Mit Musik fällt alles leichter.

3. Was essen und trinken Sie am liebsten bei der Arbeit?
Ich esse nicht gerne während der Arbeit, weil ich diese Zwei Dinge bewusst voneinander trennen möchte, also mir Zeit nehme für eine Mittags- oder Kaffeepause. Wenn ich mal Lust bekomme was zu naschen, fällt meine Wahl meistens auf Schokolade. Schokolade geht immer. Auf meinem Arbeitsplatz steht meist eine ganze Batterie an Tassen mit - je nach Tageszeit - zwischen Kaffee und Tee wechselndem Inhalt. Ich glaube, das ist so eine Zeichnerkrankheit: Je mehr Tassen auf dem Tisch stehen, desto effektiver kommt man sich vor...

4. Angenommen, Ihre Wohnung brennt: Welche Comics würden Sie auf jeden Fall aus Ihrem Regal retten?
Ganz spontan vermutlich diejenigen, die nicht mir gehören sondern mir von netten Menschen ausgeliehen wurden. Ich fände es furchtbar, wenn ich die nicht wieder zurückgeben könnte.

5. Welche Zeichner/Autoren waren für Ihre eigene Entwicklung die prägendsten?
Don Rosa mit seinen wüsten Szenarios und den an witzigen Details im Hintergrund überbordenden Panels hat mich schon als Kind begeistert. Daneben gibt es noch eine ganze Reihe verehrungswürdiger Zeichner/Autoren wie z.B. Bill Watterson (Calvin & Hobbes), Lewis Trondheim (Donjon uvm.), Frank Cho (Liberty Meadows), Mike Mignola (Hellboy), Neil Gaiman (Sandman uvm.)... die Liste ist lang. Aber auch unter den gegenwärtigen deutschen Zeichnern gibt es einige, deren Bücher ich immer wieder zur Hand nehme. Von Leo Leowald, Naomi Fearn oder Mawil kann man immer wieder etwas lernen.

6. Welches Comic-Buch/Heft/Album würden Sie jemandem empfehlen, der sonst eigentlich keine Comics liest?
Da kann ich ja leider nur welche empfehlen, die ich selber bereits gelesen habe. Ich denke, etwas von Mawil wäre nicht schlecht oder aber Die Zeit und Gottvon Aike Arndt. Den sollte eigentlich jeder zumindest mal angelesen haben. Ansonsten fährt man meistens mit Anthologien/Sammelbänden ganz gut also vielleicht Panik Elektro, Vorletzte Geräusche oder Jazam!

Loblied auf die Freiheit: Eine Seite aus „kleiner vogel rot“ .
Loblied auf die Freiheit: Eine Seite aus „kleiner vogel rot“ .

7. Glauben Sie, dass dem Comic die Aufmerksamkeit zuteil wird, die er verdient?
Ich denke, wir sind auf einem ganz guten Weg, aber es darf ruhig etwas mehr werden. Und zu der Aufmerksamkeit sollte sich auch Akzeptanz des Comics als eigenständige Gattung der Literatur gesellen.

8. Welche zeitgenössischen Comiczeichner/innen verdienten mehr Aufmerksamkeit als sie sie im Moment haben?
Es gibt gerade in Deutschland eine Menge talentierter ZeichnerInnen, die sich dem klassischen, erzählerischen Comic in all seinen Facetten verschrieben haben und im Independentbereich anzutreffen sind. Sie verdienen allesamt mehr Aufmerksamkeit, weil Comic soviel mehr ist als es einem der Feuilleton manchmal glauben machen will.

9. Wenn Sie einen hoch dotierten Preis für das Comic-Lebenswerk zu vergeben hätten, wer würde ihn bekommen?
Die meisten Zeichner, die mir jetzt durch den Kopf gehen sind hoffentlich noch lange nicht an dem Punkt angekommen, wo man über die Ehrung des Lebenswerks nachdenken müsste, rein alterstechnisch gesehen. Also würde ich den Preis an jemanden vergeben, der sich besonders um die Förderung junger Talente verdient gemacht hat. Diese Menschen investieren so viel Zeit und Herzblut und werden meiner Meinung nach viel zu wenig gewürdigt.

10. Wie würden Sie einem Blinden beschreiben, was das Besondere an Ihren Comics ist?
Wie gemein! Wenn man bereit ist, sich auf meine Bilder/meinen Stil einzulassen, werden sie einen unmittelbar berühren.

11. Woran arbeiten Sie derzeit, wenn Sie nicht gerade Fragebogen ausfüllen?
An einem Comic für eine Organisation, die weltweit Menschen, Projekte und Initiativen verbindet und sich für eine nachhaltige und sozial gerechte globale Entwicklung einsetzt.

12. Wieso würden Sie einem jungen Menschen raten, Comiczeichner/-autor zu werden – und wieso würden Sie ihm davon abraten?
Es ist unglaublich toll, wenn man Menschen mit seinen Zeichnungen und Geschichte erreichen, berühren, bereichern kann. Abraten würde ich niemandem. Probiert es aus und macht Eure eigenen Erfahrungen.

13. Wie fühlt es sich für Sie an, Ihre Zeichnungen als gedruckte Bücher in der Hand zu halten?
Saugut.

14. Welche Note hatten Sie im Kunstunterricht?
Eins bis Zwei.

15. Was können Sie überhaupt nicht zeichnen?
Wenn man wirklich will und entsprechend schuftet, kann man eigentlich alles zeichnen, oder? Ich hasse es allerdings technische Details, Maschinen und Autos zu zeichnen...

Veronika Mischitz arbeitet als Illustratorin und Comiczeichnerin in Esslingen bei Stuttgart. Für ihr zusammen mit dem Autor Christopher Bünte verfasstes Buch „kleiner vogel rot“ (Zwerchfell, 88 Seiten 14 Euro, zu bestellen unter diesem Link) wurde sie im vergangenen Sommer auf dem Comicsalon Erlangen bei der Verleihung des ICOM Independent-Comicpreises 2010 mit einer lobenden Erwähnung geehrt. Das Buch erzählt in ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Bildern vom Widerstand einer jungen Frau in einem diktatorischen System. „kleiner vogel rot“ entlässt den Leser „in ein unbestimmbares Gefühl zwischen Wehmut und guter Laune“, heißt es in der Begründung zur Ehrung. Dafür sorge unter anderem „eine frische und temperamentvolle Grafik“. Das Buch sei „ein Loblied auf die Freiheit, auf das Ungestüme, Eigenwillige, Irrationale – und auf die Innigkeit zwischen zwei Menschen, die all das verbindet“. Eine Auswahl von Veronika Mischitz' Arbeiten als Illustratorin findet sich auf ihrer Website www.kirschvogelkantine.de, ihr Blog ist unter diesem Link zu finden.

Alle bisher erschienenen Folgen unserer Fragebogen-Serie finden Sie unter diesem Link

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben